Iris Denneler sieht im Lesen einen Zeitverlust und einen Zeitgewinn, sieht das Lesen als Abhandenkommen von Welt und Versuch, sich darin zu versichern, als Suche nach Heimat und Lust zur Lektüre ‚ohne Gewähr’. Ich teile ihre Ansicht, daß der Autor in erster Linie Leser ist, wie es Peter Handke einmal formulierte und wie man es in Iris Denneler’s Buch „Ungesicherte Lektüren“ dann auch zitiert finden kann
Daß es den Schriftsteller an sich gar nicht gibt, weil er zunächst und in erster Linie nämlich selbst Leser ist (und zum Schriftsteller macht den Schriftsteller wiederum nur ein anderer Leser), wird dann bedeutend, wenn wir wissen: schreiben ist nichts anderes als intensiveres Lesen, Zuerst-Lesen, Vor-Lesen, das Lesen dessen, was gerade erst geschrieben wird in aller Tintenfrische. Wen sollte es dann noch wundern, wenn ich den nächsten, nicht endgültigen, sondern gültigen Schritt tue: Schreiben ist Gedanken-Lesen. Daß dies nicht einmal die eigenen sein müssen, wissen die meisten Schriftsteller, die sich oft genug selbst fragen: „Woher zum…“.
Es wird an einer Novelle von Arthur Schnitzler all zu deutlich, daß Lesen unser Leben retten kann. Gemeint ist das unvollendet gebliebene Fragment „Der Boxeraufstand“. In dieser Eloge äußert der Delinquent als letzten Wunsch, seine Lektüre beenden zu dürfen und rettet dadurch sein Leben.
Die Lesearten sind nun nicht unwichtig. Dieser „Clou“ des Textes lässt sich so lapidar in einen Satz verpacken, wozu sollte man daraus noch eine Geschichte machen, die das Eigentliche dann nur auf diesen Punkt zuführt? Weil mit diesem Satz alles und nichts gesagt ist. Die Erzählung schließt mit diesem Ereignis, die eigene Leseart beginnt jedoch erst nachdem die Geschichte konsumiert wurde.
Wenn wir verstehen, daß Leben auch „zu lesen“ heißt, haben wir ein Synonym für Lektüre zur Hand, dieses Spannende verfolgen von Symbolen, Zeichen, Verweisen, Metaphern, Tropiken, auch: Handschriften des Lebens. Dann wird Leben zur ungeschriebenen Literatur, jedoch nicht zur ungelesenen.