Von Thomas Hummitzsch
„Frauen sind für mich Objekte der Begierde.“ Sätze wie dieser gehören im Zeitalter der Post-Emanzipation zu den letzten Tabus. Neudeutsch würde man derlei Formulierungen wohl als no-goes bezeichnen. Seit jeher gehört es aber zum Wesen der Kunst, Tabus wie dieses zu brechen. Überträgt man diese Logik auf den amerikanischen Bildkünstler Mel Ramos, dann erweist er der Kunst alle Ehre. Denn der Eingangssatz stammt von dem inzwischen 75-jährigen, in Kalifornien lebenden Künstler und ist einem im Februar geführten Interview entnommen.
Ramos wird zu den bekanntesten Vertretern der Pop-Art gezählt und immer wieder mit Andy Warhol oder Roy Lichtenstein verglichen. Thematisch näher scheint ihm Roy Lichtenstein und dessen Comic-Thema, inhaltlich gibt es direkte Überschneidungen mit Andy Warhols Campbells-Coup. Doch trotz Nähe und Parallelitäten ist Ramos’ Werk einzigartig und beispiellos.
Mel Ramos verwendet in seinen Bildern die Nacktheit der Frau als Medium des modernen Kapitalismus. Scheinbar! Wie Eyecatcher preisen auf seinen Gemälden makellose Pin-up-Girls die beigestellten Konsumartikel an, von Käse über Zündkerzen bis hin zu Kleidermarken. Nackt räkeln sich bildhübsche Amazonen auf Tellern voller Käsekräcker, lehnen sich lasziv an Zigarren oder klettern aus der Schokoriegelverpackung. Nicht genug provoziert Ramos mit subtil mehrdeutigen Inszenierungen nackter Schönheiten auf wilden Tieren.
Also alles Perversion und Provokation? Keineswegs, denn nicht Ramos ist es, der provoziert, sondern es sind die gesellschaftlichen Klischees, derer er sich bedient, die reizen. Denn Ramos inszeniert nicht Realität oder malt nicht Bilder von Frauen, sondern er bringt Imaginationen aufs Papier. Seine Frauenfiguren besitzen kein natürliches Vorbild, sondern sind Collagen zahlreicher Idealvorstellungen. Sie sind Verdichtungen des globalisierten Schönheitswahns, ein Weber’sches Idealbild, mit dem die Realität höchstens verglichen werden kann. Mit diesen Inszenierungen entlarvt Ramos die Funktionalität des globalisierten Sex-Sells-Prinzips.
Dabei ist Ramos kein nach Nacktheit geifernder Künstler. Das machen seine in die Moderne transformierten Ikonen der Aktmalerei deutlich. In seiner Serie „A Salute for Art History“ ehrt er seine Vorbilder im Geiste, Ingres, Manet und Boucher, indem er ihre Klassiker der Aktmalerei kopiert und zugleich aber neu interpretiert. In Malweise und Farbwahl weicht er von den Originalen ab, Details verändert er eigenwillig und originell. Dem aktmalerischen Werk von Willem de Kooning und Amadeo Modigliani widmet er kongeniale Übertragungszyklen. Er beweist mit diesen Bildern, wo die Wurzeln seiner Kunst verborgen sind.
Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre rückte Ramos den künstlerischen Schaffensprozess als solchen in den Mittelpunkt seiner Werke. Wie Skizzen und Studien wirken dabei die unter dem Titel „Unfinished Paintings“ und „The drawing lesson“ zusammengefassten Bilder.
Betrachtet man Ramos etwa 50-jähriges Schaffenswerk, fällt eines auf: Verstörend selbstsicher und sich ihrer Schönheit bewusst, blicken den Betrachter die jungen Göttinnen an. Nicht sie scheinen diejenigen zu sein, die entblößt worden sind, sondern der Betrachter scheint die Rolle des ertappten und bloßgestellten Voyeurs zu erhalten. Sie alle tragen den Nimbus der Unbesiegbarkeit, den Ramos schon in seinen frühesten Werken, den Bildern von Heldinnen aus den amerikanischen Super-Heroes-Comics, seinen weiblichen Figuren angedeihen ließ und damit die stereotypischen Männer- und Frauenbilder als einer der Ersten hinterfragte – in den sechziger Jahren. Dessen sollte sich die feministische Kritik bewusst werden, bevor sie Ramos’ Werk mal wieder als sexistisch einstuft.
Literaturangabe:
RAMOS, MEL: 50 Jahre Pop-Art. Herausgegeben von Otto Letze. Mit Texten von Klaus Honnef, Annette Lagler und Daniel J. Schreiber. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010. 280 S., 169 Abb., 19,80 €.
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