New Literature from Austria
Incentives - New Literature from Austria
readme.cc provides multilingual access to the latest Austrian literature. In collaboration with the Literaturhaus in Vienna the reading forum offers the latest insights about literature published in Austria.
Literary journalists and researchers introduce current new publications; reading samples allow for a closer look at the texts; short portraits of the authors complement the picture.
The range of information is currently available in five languages: German, English, French, Czech and Hungarian.
The Project "Incentives" targets at the internationalization of Austrian literature, respectively the translation of current texts.
Project realization: the Office of Documentation of Contemporary Austrian Literature (reviews, author’s portraits) – The Association of Translators (translations) – readme.cc (infrastructure).

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[ המלצה מאת Incentives ]
"Du schreibst auf einem Brett, das du von einer Baustelle mitgenommen hast, im Bett sitzend, während dein Mann an seinem Schreibtisch arbeitet." (S. 8)
Das ist der Anfang. In Paris. In einem kleinen Zimmer, in welchem die zwei Verliebten freiberuflich wissenschaftlich arbeiten. Die Hierarchie ist von Anfang an angezeigt. Sie hätte nur hinsehen müssen. Du hättest nur hinsehen müssen. Die Du-Form, die im gesamten Buch Anwendung findet, ist nicht nur ein origineller Kunstgriff. Die Du-Form zeigt die Austauschbarkeit dieser Frau auf: Es kann auch dich treffen.
Der Mann gesteht, dass er kürzlich Vater geworden ist. Er hat sie ein Jahr zuvor betrogen. Sie will nicht kleinlich sein und denkt nicht an Trennung, da er schließlich, wie er beteuert, diese andere Frau nicht geliebt, sondern sie ihn reingelegt habe. Als sie selbst schwanger wird, ziehen sie nach Wien. Sie übernimmt zuerst die Babypflege und muss aufhören zu arbeiten. Er vertröstet sie auf später. Doch die Arbeitsteilung, die ihr so wichtig wäre, findet auch später nicht bzw. nicht so statt, dass sie ihr etwas bringen würde.
Je weniger Bestätigung sie bekommt, je weniger sie wissenschaftlich publiziert, desto stärker sinkt ihr Selbstwertgefühl. Seine Ansicht, dass sie unflexibel, zerstreut und verkrampft sei, übernimmt bald auch sie selbst. Und doch sagt ihr ein Funken Angst, dass sie am Ball bleiben muss. Sie beginnt, um ihre Autonomie zu kämpfen.
Margit Schreiner bleibt ihren Themen treu. Unaufgeregt, aber beharrlich schreibt sie an gegen die Unterdrückung und Kleinhaltung der Frauen und Mütter in allen Gesellschaftsbereichen. Ihre Sprache wird nicht zufällig als „leise“ wahrgenommen. Dennoch verliert sie nie an Leichtigkeit, weil etwas Wesentliches immer mit dabei ist: der Humor.
Wie nebenbei, gekonnt und ohne direkt Kritik zu üben berührt Margit Schreiner gesellschaftspolitische Themen wie Kinder- und Jugendbetreuung, Kinder- und Jugendfürsorge, Sorgerecht, Stellung von Alleinerziehenden, Wohnungsmarkt, Jugendarbeitslosigkeit, Krankenversicherung, Pensionssystem, soziale und ethnische Ungerechtigkeit, Neoliberalismus – eine vollständige Aufzählung wäre lang.
Vor diesem Hintergrund präsentiert die Autorin am Ende des Buches ein finsteres Szenario: Die namenlos bleibende Tochter spielt in ihrer Schule die Barblin aus Max Frischs „Andorra“, die dem Wahnsinn verfällt, weil sie den Kampf zwischen zwei Völkern, Lüge, Hass und Aggression nicht aushalten kann. Am sechsten Tag der Aufführung ist die Tochter spurlos verschwunden.
Kurzfassung der Rezension von Claudia Peer, September 2011 Originalversion: http://www.literaturhaus.at/index.php?id=9189
[ מידע על ספרים ] Schreiner, Margit: Die Tiere von Paris.
(original language: Deutsch)
Schöffling & Co,
Frankfurt/Main, 2011
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ISBN: 978 978-3-89561-279-4.