Leseprobe:
MARGIT ZADROVICS
Sonntag Nachmittag in Wien
ein stück kalbsleiche nennt man schnitzel.
die ganze stadt rülpst.
es steht fest.
kindergeschrei kann den sonntag verhindern.
am sonntag hat man keine meinungen.
kehre zurück.
alles verziehen.
auch namenlose haben eine chance.
man hebt sich selbst zum nachtisch auf.
die schatten lösen sich nur ungern von der häuserfront.
die sonnenstrahlen kleben müde an spiegelnden fensterscheiben.
der sonntag macht sich breit.?
der sonntag macht sich unangenehm bemerkbar.
es enden die verschiedenen egos.
das leben ein traum.
die tage der woche entgleiten der erinnerung.
selbst die vergangenheit ist gegenstandslos geworden.
bewußtloser mittagsschlaf wird bewußt eingehalten.
es gibt kein ende.
die gedanken nehmen sich ohne erlaubnis urlaub. [...]
(in: Neue Wege, Heft 269, 1974; S. 28, 29)
JOHANN MILETITS
Der Schlüssel
du gehst nach Hause, stehst vor der Tür, suchst den Schlüssel in den Hosentaschen und findest ihn nicht, wirst du den Hausmeister wecken, um von ihm den Ersatzschlüssel zu bekommen, wirst du die Tür aufbrechen, das Schloss austauschen lassen, bei Freunden oder Bekannten übernachten, oder wirst du den Verlust des Schlüssels, als Herausforderung deuten, nicht mehr in die Wohnung zurückzukehren, nicht mehr heimzukommen, wirst du herumzuziehen beginnen, den Wind begleiten, den Regenschirm verachten, auf Parkbänken und in Heuschobern schlafen, ohne Landkarten und Hinweistafeln auskommen, ohne auf Fragen, woher kommst du, wohin gehst du, wie lange bist du unterwegs, bist du müde, wann und wo wirst du ausruhen, wann mußt du ankommen, ohne auf all diese Fragen zu achten
(in: Wortmühle, Heft 1, 1978; S. 64)
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