1. The best of A.W.
"Canetti sagt, dass es ihm gelungen sei, sein Jahrhundert an der Gurgel zu packen. Mir genügte schon, es einmal in den Arsch zu treten." (S. 28)
"Jung und gesund, wie oft wünschte ich mir da den Tod. Jetzt, alt und kränklich, wünsche ich ihn zum Teufel." (S. 41)
"Wir entscheiden nicht, wir folgen eingeübten Motiven. Und parieren, uns selbst und jedem." (S. 57)
"Reisen? Alles schon begangen." (S. 58)
"Ein Tag mit unerfreulichen Gesprächen und lausiger Streiterei. Klappe den Tag abends zu. Schwamm drüber." (S. 65)
"Alles wird erst kommen und zugleich vergeudet sein." (S. 101)
"Scheitern bringt Gewinn. Ist das mehr als eine Behauptung, bin ich Kapitalist." (S. 105)
"Ich müsste ja ein Fressen sein für Gott. Ich schaue hartnäckig in den Himmel." (S. 113)
"Menschen aus den Augen verlieren, um sie wieder sehen zu können." (S. 115)
"Ich schreibe ehrlich, weil ich in Lügen und Fratzen rede. In meinen Lügen steckt so viel Wahres, dass ich auf die Täuschung der Wahrheit verzichten kann." (S. 130)
"Verdautes verlässt nur noch unregelmäßig den Körper, Sexualität ist schon lange nicht mehr der wichtigste Teil des Daseins, die Zähne, die Haare, die Gelenke, die Haut. Es ist eine Freude zu leben." (S. 147)
"Dichter am Bildschirm sind Jammer und Witz. Da wird dem Huhn die Haut abgezogen, und nun liegen sie getrennt da: hie Haut, dort Huhn." (S. 148)
2. Aufruf zum Neujahrssterben im Wörthersee
Schön liegt er da, unser See, wie geschaffen für den Selbstmord. Auffallend, Städte liegen gern an einem Wasser. Wien oder Linz haben ihre Donau, Bregenz hat seinen Bodensee, Innsbruck seinen Inn, durch Paris fließt die Seine, die Themse durch London, Berlin baute sich an die Spree, von Hafenstädten ganz zu schweigen, die bestehen nur aus Ausblick auf Wasser. Venedig ist überhaupt ein eigenes Kapitel. Wasser, Wasser, die Kapitale des Wassers. Den Bürgern sollte, falls unglücklich im Rudel nach Schicksalsschlägen, immer die Möglichkeit offenstehen, ins Wasser zu gehen. Fluss oder See oder Meer vor der Haustür. Selbstmord jederzeit möglich. Keine Ausreden. Städtegründer hatten Weitblick, und sie kannten die Menschheit. Sie wussten, worauf es ankam. Und wir, wir haben dank Bernhard von Spanheim mit dem Wörthersee das prachtvollste Selbstmordgewässer weit und breit. Ein Vergnügen der Selbstmord hierzulande und hierzustadt. Mancher Ausländer reist nur deswegen an, um sich hier auf Nimmerwiedersehen in diese unsere schönsten Selbstmordfluten zu stürzen. Sterben im Wörthersee, ein Lebenstraum. Nächtens nur, versteht sich, denn am hellen Tag kann man fast glücklich sein hier. Fast. Wenn da nicht der nächste Tag wäre, der einen nicht am See bleiben lässt, sondern in die Stadt zieht, hinein in die Prahlerei mit Lärm, die sich für Lebensfreude ausgibt. Hinter Lärm ist gut die Ratlosigkeit verstecken. Jetzt ist Nacht. Der See will genützt sein. Überlassen wir das Gelände denen, die ja doch eines Tages ersticken werden an ihrem Lärm im nächsten Jahr, das da dröhnen wird nach dem Willen derer, die den leeren Kopf in das Lärmen ihrer Ratlosigkeitsschlüsse stecken, auf dass die Stille sie nicht wecken möge für den Moment des Denkens. Ich lade Sie ein, mir zu folgen. Folgen Sie mir! Sie ersparen sich das ganze nächste Jahr mit allen seinen Turbulenzen und Lärmanstrengungen und vorgeblich stadttragenden, in Wahrheit jedoch stadtfallenlassenden Sprüchespuren, mit Ehebruch der Gattin, des Gatten, Kretinkongressen und Heimatliebebrauchtums- oder Gebrauchsheimatliebetums- oder Liebetumsheimat-gebrauchsexzessen und alles, alles danach, was Jahre um Jahre noch alles auftischen werden an Elendigkeiten. Das alles ersparen Sie sich. Bedenken Sie diese Portion von Glück. Folgen Sie mir! Hinein in die Fluten! Worauf warten Sie? Auf noch schäbigere Tage? Na eben. Folgen Sie mir, folgen Sie! Ach was, lassen Sie es, es ist zu kalt, trinken Sie lieber einen Glühwein. Wie ich jetzt. Umbringen können Sie sich im Sommer bequemer.
© 2007 Wieser Verlag, Klagenfurt, Wien, Ljubljana, Sarajevo.