Das größte soziale Netzwerk der Welt wächst ohne seinen Nutzern, inzwischen mehr als eine Milliarde, ein Mitspracherecht zu gewähren. Douglas Rushkoff, ein bekannter US-amerikanischer Autor und Medientheoretiker, findet das nicht mehr erträglich und hat Facebook medienwirksam verlassen. Die Journalistin Fanny Steyer betrachtet die Gründe dafür und mögliche Gegenpositionen.
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Vor ein paar Tagen hat der berühmte US-amerikanische Autor Douglas Rushkoff angekündigt, dass er aus Facebook aussteigen würde. Seine Erklärung ist auf CNN erschienen: Für ihn stehe seine Facebook-Präsenz im Widerspruch zu seinen Werten, die er auch in seinen Werken verteidigt. Er übt beispielsweise Kritik an der Tatsache, dass man auf Facebook nicht mehr kontrollieren kann, was auf seiner eigenen Seite veröffentlicht wird.
Das Problem der „Related Posts“
Marken, Unternehmen oder Persönlichkeiten, die er nie als „gefällt mir“ markiert hat (d.h. die er nie „geliked“ hat), erscheinen in dem Newsfeed seiner Freunde. Auf seiner persönlichen Facebook-Seite findet er aber keine Spuren von diesen „Likes“. Das kann Probleme verursachen und sogar Beziehungen zerstören. Beispielsweise wenn bei einem bekennenden Vegetarier unter „gefällt mir“ McDonalds erscheint. Dieses Vorgehen, auch „Related Posts“ genannt, wird nicht einmal in den FAQs auf Facebook thematisiert. Solche Sachen passieren selbst mit Facebook-Konten von verstorbenen Nutzern.
Douglas Rushkoff will seinen Facebook-Fans, das heißt Nutzern, denen er gefällt, wegen Seiten, die bei ihm als „gefällt mir“ erscheinen, ohne dass er sie selber eingetragen hätte, nicht schaden oder dadurch ihr Vertrauen verlieren. Es sei problematisch, dass man keine Kontrolle über seine „Likes“ hat – selbst wenn man gar nichts mehr als „gefällt mir“ markiert.
Darüber hinaus kann es der US-amerikanische Autor nicht mehr ertragen, dass Facebook-Nutzer eigentlich zu Produkten und Unternehmen zu Nutzern geworden sind. Bestimmte Unternehmen bezahlen Facebook hohe Summen für den Zugang zu Nutzerdaten. Sie veröffentlichen sodann personalisierte Werbung auf den Facebook-Seiten der Nutzer. Wer angegeben hat, dass er oder sie beispielsweise Wirtschaft studiert, bekommt direkt Werbung für MBA-Studiengänge auf den Facebook-Seiten, die diese Person besucht.
Der Eintrittspreis: Verlust der Kontrolle über seine Daten
Die von Rushkoff hervorgebrachten Argumente sind nachvollziehbar. Auf Facebook hat man seine Daten immer weniger im Griff, weil diese Webseite permanent weiterentwickelt und die Datenverflechtung immer komplexer wird. Es ist ja normal, kontrollieren zu wollen, was auf seiner eigenen Facebook-Seite veröffentlicht wird. Und es ist tatsächlich sehr merkwürdig, dass dieses Phänomen in der Facebook-Hilfe nicht erwähnt wird.
Vielleicht ist es naiv, geglaubt zu haben, dass die Facebook-Gründer eine solche kostenlose Leistung anbieten würden, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Rushkoff hat Recht, wenn er schreibt „Facebook ist nicht das Internet, es ist nur eine Webseite und sie hat einen Preis“.
Ausstieg für alle?
Es ist etwas schizophren und unglaubwürdig, Facebook zu kritisieren, während man es im vollen Umfang weiterhin nutzt. Insofern ist Rushkoffs Schritt nachvollziehbar. Die Frage ist auch, inwiefern Facebook eine solche Opposition innerhalb des Netzwerks toleriert. Es gibt zwar Facebook-Seiten gegen Facebook-Zensur, aber viele Benutzerseiten mit politischen Inhalten wurden schon ohne jegliche Warnung und gegen den Willen der Betroffenen von Facebook gesperrt.
Es wäre an der Zeit, dass wir uns über andere Möglichkeiten informieren: Es gibt nämlich (kostenpflichtige) soziale Netzwerke, in denen der Benutzer Zugang zu und Kontrolle über seine Daten hat: App.net oder Github. Aber auch kostenlose Open-Source-Alternativen wie Diaspora oder Secushare, die ebenfalls absolute Kontrolle über die eigenen Daten garantieren.
Während man seinen eigentlichen sozialen Aktivitäten in sicheren sozialen Netzwerken nachgeht und nur dort Inhalte veröffentlicht, könnte man als passives Mitglied auf Facebook bleiben. Ich glaube nämlich, dass man Facebook nicht verlassen muss, wenn man das System problematisch findet und es öffentlich kritisieren will.
Mir erscheint es sinnvoll, sich ein Konto unter falschem Namen zu machen, um die Vorgänge auf Facebook weiter aus erster Hand zu beobachten. Wie soll man sonst die Entwicklungen auf der Webseite verfolgen? So könnte man seine Kritik an Facebook aus authentischen Erfahrungen ableiten und auf anderen Kanälen äußern: Blogs, Twitter und alternativen sozialen Netzwerken.
Anm. d. Red. Weitere Informationen zum Thema im Dossier Netz-Giganten. Die Bilder sind von der Berliner Gazette Redaktion künstlerisch verfremdete Variationen eines Motivs des Modedesigners Steven Tai.
7 Kommentare zu
in meinen augen gibt der text darauf eine eindeutige antwort: wenn man als beobachter nud kritiker unterwegs ist, dann kommt man nicht umhin mitglied bei facebook zu werden. denn sonst kommt man nicht an die authentischen einblicke, die man braucht um die zeitgenössische gesellschaft zu verstehen und zu kritisieren.
bekämpfen lese ich in diesem zusammenhang eben als kritisieren und anfechten, aber nicht unbedingt als kaputtmachen.
wenn ich das so schreibe, muss ich mich schon fragen, was die eigentliche position der autorin ist:
also findet sie facebook (als soziales netzwerk, das persönliche benefits bietet und das die gesellschaft als ganzes formt) doch gar nicht so schlecht?
oder was bedeutet es heututuate sachen nicht gut zu finden, aber doch dann irgendwie mitzumachen bzw. nicht radikal dagegen zu sein?
oder verfolgt die autorin den ansatz des investigativ journalismus?