Als Amazon am 10. April 2019 das neue Modell des »kleinen« Kindle für einen Preis von 79,99 Euro auslieferte, war der bessere Kindle Paperwhite als »Frühlings-Angebot« für ebenfalls 79,99 Euro zu haben. Warum nur gibt es noch das kleine Modell? Wir haben die Geräte im Praxistest verglichen.
Klar, der Listenpreis des Kindle Paperwhite liegt im Frühjahr 2019 bei 119,99 Euro. Aber wer das »Frühlings-Angebot« verpasst hat, der wartet eben bis zum »Sommer-Angebot« oder bis zum »Herbst-Angebot« oder bis Weihnachten, dann gibt es den Kindle Paperwhite mit Sicherheit erneut günstiger. Doch auch das Kindle-Einsteigermodell wird irgendwann im Preis fallen und sicherlich bald als Angebot für 49,99 Euro zu haben sein. Nachtrag: Für Amazon-Prime-Kunden kostete das Einsteigermodell am Prime Day 2019 (15. Juli 2919) bereits 49,99 Euro. Zur »Black Friday Woche 2019« Ende November kosteten die Geräte für alle Kunden nur 54,99 Euro und 79,99 Euro, danach waren sie noch einige Tage für 64,99 Euro und 99,99 Euro zu haben. Während des Corona-Lockdown im März/April 2020 kostete der Paperwhite ebenfalls nur 79,99 Euro. Am Prime-Day des Jahres 2020 waren der Paperwhite für 68,22 Euro und das kleine Kindle Modell nur 48,72 Euro zu haben. Das war bislang der günstigste Preis der Geräte, der jedoch nur an zwei Tagen für Prime-Kunden galt. Zudem war 2020 die Mehrwertsteuer auf 16% reduziert.
Was ist neu beim Einsteigermodell?
Warum gibt es also das Einsteigermodell überhaupt, wenn es in Angebotszeiten mit dem »großen Bruder« Kindle Paperwhite preislich gleichauf liegt?
Bislang war der deutlich sichtbare Unterschied das nicht beleuchtete Lesedisplay des kleinen Kindle (siehe unser Test des Vorgängermodells). Amazon versuchte dies euphemistisch als »augenschonend« zu verkaufen. Tatsächlich war immer eine externe Lichtquelle erforderlich, wenn man mit dem Kindle-Einsteigermodell im Dunkeln lesen wollte.
Mit dem neuen 2019er-Modell leuchten jetzt vier verbaute LEDs auch das Display des Einsteigergerätes aus. Beim aktuellen Paperwhite sind es sechs LEDs, was wie eine künstliche technische Abgrenzung wirkt. Gegenüber dem Vorgänger ist das digitale E-Ink-Papier beim neuen Einsteigermodell allein schon heller, da eine andere Display-Art zum Einsatz kommt. Und da wir es immer wieder gefragt werden: Ja, beim neuen Kindle kann man das Licht auch komplett ausschalten.
Mit der beleuchteten Lesefläche, dessen Lichtstärke wie beim Kindle Paperwhite an unterschiedliche Lichtsituationen manuell angepasst werden muss, ist der wesentliche Nachteil des kleinen Kindle verschwunden.
Die Unterschiede zum Kindle Paperwhite
Wo also gibt es noch Unterschiede zum Kindle Paperwhite?
- Die Lesefläche ist beim kleinen Kindle weiterhin leicht ins Gehäuse zurückgesetzt, während sie beim Paperwhite plan mit dem Gehäuse abschließt. Das ist kein Vor- oder Nachteil, sondern eine Frage der persönlichen Vorliebe. Da beide Geräte per Wisch- oder Tippgeste auf dem Bildschirm weitergeblättert werden, ist die Fläche beim kleinen Kindle zumindest klar zu ertasten. Wegen des tablet-artigen Looks gilt das Design des Paperwhite als zeitgemäßer, aber das ist Geschmackssache.
- Das kleine Modell hat eine fast nur halb so geringe Pixeldichte (600×800 Bildpunkte) wie der Kindle Paperwhite (1.080×1.440 Bildpunkte). Schriften und Grafiken sind daher auf dem Paperwhite weitaus schärfer dargestellt und ohne sichtbare »Treppenstufen«. Wenn man jedoch nicht den direkten Vergleich hat, und immer auf dem etwas schlechteren Display des kleinen Kindle liest, fällt dies nicht auf. Die Größe der Lesefläche ist auf allen Geräten mit 6-Zoll-Diagonale identisch.
- Das Gehäuse des kleinen Kindle ist ansonsten tatsächlich etwas kleiner als das des Paperwhite, 3 Millimeter schmaler, 7 Millimeter kürzer, aber 0,5 Millimeter höher. Der Kleine ist 8 Gramm leichter als der Paperwhite in der WLAN-Variante.
Der kleine Kindle ist in schwarzer und weißer Ausführung erhältlich, den Paperwhite gibt es aktuell nur in Schwarz. - Der Kindle Paperwhite ist wasserfest, kann also mal in die Badewanne fallen, oder man kann bei Regen an der Bushaltestelle lesen. Das kleine Modell ist nicht wasserfest.
- Das kleine Modell hat nur 4 GByte Speicher, den Paperwhite gibt es mit 8 oder 32 GByte. Bei Buchdateien macht dies kaum einen Unterschied, zumal man auf seine Bibliothek stets via Cloud zugreifen kann. Beide Geräte können mithilfe eines externen Lautsprechers oder Kopfhörers via Bluetooth-Verbindung Hörbücher von Audible abspielen, die schon einmal 400 oder mehr Megabyte an Speicherplatz benötigen, sodass bei 4 GByte der Platz knapp werden könnte. Allerdings sind beide Geräte im Vergleich zum Smartphone keine komfortablen Hörbuch-Abspielgeräte. Schaltet man sie beispielsweise aus, wird auch die Wiedergabe abgebrochen. Anschlussbuchsen für kabelgebundene Kopfhörer hat keines der Modelle.
Und was ist gleich?
Softwareseitig sind die beiden Geräte absolut identisch. Lesezeichen, Markierungen, Übersetzungen, Einstellungen für die Textdarstellung – all das ist auf beiden Geräten gleich.
Beide Geräte werden üblicherweise mit dem WLAN verbunden, um E-Books und Hörbücher auf das Gerät zu laden. Vom Paperwhite gibt es noch eine teurere Variante mit zusätzlichem Mobilfunkzugang.
Wie alle Kindle-Lesegeräte sind die Amazon-E-Reader fürs Lesen von bei Amazon gekauften E-Books konzipiert. Das Epub-Format wird aus politischen Gründen nicht unterstützt, daher kann man mit den Kindle-Geräten auch nicht die Onleihe der öffentlichen Bibliotheken nutzen.
Stattdessen wird man beim ersten Einschalten sanft – und wie immer die ersten Monate kostenfrei – dazu gedrängt, ob man nicht die Amazon-Leseflatrate nutzen wolle (Kindle Unlimited), die jedoch nur für diejenigen attraktiv ist, die viel Self-Publishing-Titel lesen. Aktuelle Bestseller von Verlagen sind im Sortiment der Amazon-Leseflatrate nicht zu finden. Auch ein Audible-Abo wird abgefragt. Man sollte also erst mal tapfer die weniger optisch hervorgehobenen Nein-Links suchen und klicken.
Fazit: Welches Gerät für wen?
Der kleine Kindle kann alles, was der Paperwhite auch kann. Die geringfügig schlechtere Ausstattung (geringere Auflösung, weniger Speicher, nicht wasserfest), spielt in der Lesepraxis jedoch kaum eine Rolle. Zwar liegen die Geräte normalerweise rund 40 Euro im Preis auseinander, doch wer auf die regelmäßigen Angebote wartet, bekommt beide Geräte bisweilen zum gleichen oder fast zum gleichen Preis.
Die kaum unterschiedliche Ausstattungs- und Preispolitik von Amazon ist merkwürdig, da die Geräte keine deutlich erkennbare Abgrenzung oder Zielgruppe haben. Wäre das kleine Kindle-Modell wesentlich günstiger und würde es 29,99 Euro kosten, so wäre es eine Kaufempfehlung, da es sich in Sachen Ausstattung kaum vom Paperwhite unterscheidet. Es wird jedoch mit Sicherheit bald günstiger werden, als die 79,99 Euro, die das Gerät bei der Einführung kostete. Ab einem Angebotspreis von 49,99 Euro kann man zuschlagen.
Bis dahin kann die Empfehlung für den Kindle-Kauf nur lauten: Warten Sie, bis der Paperwhite wieder im Angebot ist und kaufen sie ihn dann, denn er hat das etwas bessere Display.
Der »kleine« Kindle:
Kindle, jetzt mit integriertem Frontlicht – mit Werbung – Schwarz. Elektronik. Amazon. ISBN/EAN: 0841667139920. 77,97 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige
Der Kindle Paperwhite:
Kindle Paperwhite, wasserfest, 6 Zoll (15 cm) großes hochauflösendes Display, 8 GB – mit Werbung - Schwarz. Elektronik. Amazon. ISBN/EAN: 0841667177908. 116,96 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige
Wieder keine Tasten zum Blättern?
Dann bleibe ich doch lieber bei meinem Kindle Keyboard
Wozu denn…?
Mein Kindle Keyboard hat heute leider den Geist aufgegeben. Das Display ist defekt. Die Gegenüberstellung ist wirklich hilfreich. Dann warte ich mal auf das nächste Angebot und gehe so lange wieder in die Bücherei. :-)
Vielen lieben Dank für diesen überaus hilfreichen Beitrag! Ich bin aktuell bei der Kaufentscheidung und habe mir genau die Fragen gestellt, die ihr hier beantwortet habt. Ich bin nun um einiges schlauer – und werde mangels aktueller Angebote noch warten ;-)
Ich mag den weißen Kindle mit seinem sehr coolen Design.
Sehr lobenswerte und gründliche Gegenüberstellung! Ich gebe nun doch mal meinen Widerstand gegen Kindle auf, denn mit mehreren Tolinos nacheinander habe ich mich oft geärgert. Man kann übrigens mit calibre auch epub-Bücher Kindlefähig konvertieren! Da ist man nicht gezwungen, bei Amazon zu kaufen.
Dank des nützlichen Hinweises aufs gegenwärtige Sonderangebot schalte ich jetzt gleich mal rüber zum Giganten.
Äh … ich habe hinübergeschaltet und bin gleich zweifach zurückgeprallt: Erstens kostet das gerät gleich 20 EUR mehr, wenn man diese dreisten Werbeeinblendungen nicht will, zweitens erhalte ich dank einer Reihe alarmierender neuerer Bewertungen den Eindruck, dass der Paperwhite sich enorm verschlechtert hat. Wahrscheinlich soll man so zum Oasenleser gestupst werden. Also doch kein Kindle … ich habs ja gleich gewusst!
Ja, ich habe beide Geräte diese Woche gekauft – mit einem Preisunterschied von 40 EUR. Musste dann feststellen, dass der (kleine) Kindle keinen merklichen Unterschied in der “sichtbaren” Auflösung zeigt. Mittlerweile haben beide Varianten auch den gleich großen Speicher von (etwa) 8 GB!
Da bliebe nur noch die sogenannte “Wasserfestigkeit”. Vor einem leichtfertigen Vertrauen darauf, wird im Online-Handbuch ganz entschieden gewarnt. Man muss – im Falle des Falles – ganz schöne “Verrenkungen” anstellen, damit das der Paperwhite schadlos übersteht.