Sandra Jung hat alles hinter sich gelassen und ist gemeinsam mit ihrem Freund auf die Burg Greifenstein in Thüringen gezogen, um dort einen Traum zu verwirklichen: eine eigene Falknerei. Der Sprung ins kalte Wasser hat sich gelohnt – inzwischen ist Sandra Jung eine gefragte Expertin auch für andere Falkner. Im Gespräch erzählt sie, was das Leben mit den Greifvögeln für sie bedeutet.

Foto: Benedikt Nyssen
Wie ist das Leben auf einer Burg mit so vielen wilden Vögeln?
Das Leben mit den Tieren ist jeden Tag aufs Neue spannend und voller Überraschungen, und deshalb bin ich auch jeden Morgen froh, meine Tiere zu sehen und sie zu begrüßen. Jedes Tier hat einen eigenen Charakter: Manche von ihnen sind immer gut drauf, manche sind Klassenclowns und wieder andere sind auch mal launische Zicken. Jedes Tier ist einzigartig. Es macht einfach nur Spaß, auf die unterschiedlichen Charakterzüge einzugehen und mit den verschiedenen Tieren zu arbeiten. Ich denke – und habe auch das Gefühl –, dass auch unsere Zuschauer diese unterschiedlichen Wesenszüge in den Vorführungen kennenlernen und somit selbst eine gewisse Verbindung zu den Tieren aufbauen. Nach den Shows kommen Besucher oft zu mir und erzählen mir, welches Tier ihr absoluter Liebling ist.

Weißkopfseeadler Milo kurz vor der Landung auf Sandras Hand. Foto: Benedikt Nyssen
Was haben dir die Vögel über das Leben beigebracht?
Die Tiere lehren mich in erster Linie Vertrauen, Ruhe und Gelassenheit. Ich entlasse sie in den Himmel, und sie fliegen so hoch, weit und lange, wie sie das möchten. Ich als Mensch werde zur Nebensache, kann nur zuschauen, nicht beeinflussen. Hierbei entwickelt man über die Jahre ein Urvertrauen in die Tiere: Ich brauche keine Ungeduld, keine Angst oder Zweifel haben. Die Tiere wissen, was sie tun, und ich muss darauf vertrauen, dass sie zu mir zurückkehren. Das Wichtigste überhaupt an der Beziehung zu einem Greifvogel ist, ihm täglich die Welt zu eröffnen und ihn seine eigenen Entscheidungen treffen zu lassen. Nur auf dieser ehrlichen Basis kann die Arbeit mit Greifvögeln funktionieren. Ich kann ihnen nicht meinen Willen aufzwingen oder etwas durchsetzen: Das funktioniert nicht. Es muss immer eine ebenbürtige Zusammenarbeit zwischen mir und den Vögeln sein – nur so sind alle Seiten glücklich, nur so kann es funktionieren.

Foto: Benedikt Nyssen
Wie ist es, Falknerin zu sein?
Ich kann mir keine schönere Leidenschaft, kein besseres Hobby, keinen erfüllenderen Beruf und keine andere Berufung für mich vorstellen. Die Arbeit mit den Tieren erfüllt mich jeden Tag mit Freude, Stolz und Glückseligkeit. Meine Vögel sind für mich mein Zuhause und meine Familie. Ich fühle mich in dieser Welt wohl und möchte sie nicht mehr verlassen. Sowohl die Tiere als auch der Austausch mit andere Falkner*innen in ganz Deutschland sind für mich ein fester Bestandteil meines Lebens, den ich mir nicht mehr wegdenken kann oder will. Ich bin angekommen und fühle mich sehr geehrt, dieses Gefühl schon in so jungen Jahren erreicht zu haben.
Das Gespräch führte die Lektorin Julia Weilbach.