1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE ist zurück! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: Johann Anton Feuchtmayer: „Kreuzwegstation 13”.
Muschelwerk
Eine Woche lang hatte ich jetzt diesen schreienden Gegensatz vor Augen und habe ihn ausgehalten – lachend. Ob ich wollte oder nicht.
Eine schreckliche Sache: Da wird ein Hingerichteter vom Foltergerät genommen und als geschundene Leiche der eigenen Mutter in den Schoß gelegt. Ein Hergang, der selbst einem hartgesottenen Medienbenutzer unserer Tage, der mit den Grausamkeiten dieser Welt Stunde für Stunde gefüttert wird, vielleicht noch ein trockenes Schlucken abringen mag. Auf der Kunstpostkarte aber ist dieses Geschehen zu einem derart entzückenden Bild geworden – wie soll man es anders als „lieblich“ bezeichnen?
Dabei ist nichts unterschlagen. Es liegt offen da, ohne Beschönigung, das factum brutum: der weiße Körper des Hingerichteten, ausmergelt, zerbrochen. Doch das Grauen kann sich nicht annähernd behaupten in diesen frischen fröhlichen Farben, in die es eingebettet ist, unter einem kräftig blauen Himmel, vor dem sichernden Gemäuer einer Stadt: eine „feste Burg“. Wunderbar abgestimmt sind die Gewänder der drei Trauernden, in Blau und Rot und Grün und einem wärmenden Goldbraun.
Das Leid der Menschen ist also keineswegs weggelogen. Es ist nur so verkleidet in Schönheit, dass das Auge des Betrachters, jederzeit bestechlich, derart abgelenkt ist von dem Schrecklichen. Sein armer Kopf weiß gar nicht mehr, woran er sich denn halten soll – an die Trauer, an Freude und Lebenszuversicht?
Dazu noch dieser Rahmen, aus wahrhaftigem Gold, in den das fröhlich bunt bemalte Schnitzwerk gefasst ist. Die naturwüchsige Schönheit der Muschel, kunstfertig weitergetrieben in phantastischen Bögen und Kurven. Selbst an das Foltergerät des Kreuzes, eben noch Schauplatz schlimmst möglicher Qualen, rankt sich eine fettfleischige Pflanze heran und wird es in Bälde überwuchert haben – aus den Augen, aus dem Sinn. Und dann der putzige Putto, dieses nackte dickbäuchige Kleinkind, den Speer auf der Schulter. Daran soll der mit Essig getränkte Schwamm gesteckt haben, mit dem vor ein paar dramatischen Augenblicken die Lippen des sterbenden Delinquenten befeuchtet wurden, nach seinem hochpathetischen Schmerzensruf „Mich dürstet …“?
Eine Woche lang habe ich mich hinschauend gefragt, ob die Unvereinbarkeit von Schmerz und Frohsinn weiter auseinanderfallen könne als in dieser zierlichen Inszenierung des reifen Barock. Eine Antwort fand ich nicht. Jedes Mal beim Abwenden habe ich ratlos den Kopf geschüttelt, aber zuletzt holte mich immer das Lachen ein, anders ging es nicht. Dieses warme, versöhnliche Lachen über die Kapriolen, zu denen wir Menschen fähig sind, in alle nur denkbare Richtungen hinein.
Die Karte habe ich vom Bodensee mitgebracht, als ich dort einen Freund besuchte. Er zeigte mir das Kloster Birnau, auf einem Hügelvorsprung des Sees gelegen, inmitten von Weinbergen, die praktischerweise mit zu dem Anwesen der Zisterzienser gehören. Der jetzige Bau der Wallfahrtskirche stammt von 1750, der Hoch-Zeit des Barocks, und auch die gesamte einheitliche Innenausstattung geht auf die Zeit der Gegenreformation zurück.
Die intime Szene, da Jesus Christus vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter Maria gelegt wird, ist eine von acht erhaltenen Kreuzwegstationen, an denen die Wallfahrer seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren den Leidensweg Christi betend abschreiten. Jede Station, in Holz geschnitzt, besteht aus einem individuell gestalteten und vergoldeten Rocaille-Medaillon und lässt eine kleine vollplastische Figurengruppe wie auf einer Theaterbühne spielen. Joseph Anton Feuchtmayer heißt der Handwerker-Künstler, er stammt aus einer alten Schnitzer-Familie der Region.
Es muss viel Gottvertrauen in dem Mann gewesen sein, um dem grauenvollen Schöpfungsmythos seiner Religion mit einer solchen Fröhlichkeit und Lebenszuversicht ins Werk zu setzen.
„Das Lachen“, fällt mir dieser Tage in die Hände, von Lessing, „erhellt uns vernünftiger als der Verdruss.“
Michael Zeller
Johann Anton Feuchtmayer: Kreuzwegstation 13. Klosterkirche Birnau am Bodensee, um 1750.
Michael Zeller, Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten literarischen Werk (zuletzt, 2011, Andreas Gryphius-Preis). 2013 sind von ihm erschienen die Gedichte wie es „anfängt : wie es endet” und der Prosaband „ABHAUEN! Protokoll einer Flucht” bei CulturBooks. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.