Wiener Kreis
Buchcover zum Ausstellungskatalog
Exaktes Denken am Rand des Untergangs
Im Zusammenhang mit den Feiern zum 650-Jahre-Jubiläum findet im Hauptgebäude der Universität Wien von Mitte Mai bis Ende Oktober 2015 die zweisprachige Ausstellung (dt./engl.) über den Wiener Kreis statt. Die Ausstellung findet in einem eigens adaptierten, mehr als 1100 Quadratmeter großen Bereich statt, der vom Universitätsring her direkt zugänglich sein wird und aus ehemaligen Turnhallen und Vorräumen besteht. Die Kuratoren sind Karl Sigmund und Friedrich Stadler, zwei Professoren der Wiener Universität. Der Architekt ist Hermann Czech, die digitalen Medien gestaltet Peter Weibel.
1924 gründeten ein Philosoph (Moritz Schlick), ein Mathematiker (Hans Hahn) und ein Sozialreformer (Otto Neurath) einen philosophischen Zirkel in Wien, um eine wissenschaftliche Weltauffassung zu entwickeln und zu verbreiten.
In regelmäßigen Abständen wurden philosophische Fragen diskutiert: Wodurch zeichnet sich wissenschaftliche Erkenntnis aus? Haben metaphysische Aussagen einen Sinn? Worauf beruht die Gewissheit von logischen Sätzen? Wie ist die Anwendbarkeit der Mathematik zu erklären?
Junge Denker wie der Philosoph Rudolf Carnap, der Logiker Kurt Gödel und der Mathematiker Karl Menger stießen zur Gruppe, andere (wie Karl Popper und Oskar Morgenstern) standen im Nahverhältnis. Rasch wurde der Zirkel zur Hochburg des logischen Empirismus. Er orientierte sich an Albert Einstein, Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein. Führende Köpfe in Prag und Berlin, Cambridge und Harvard griffen die Themen auf.
1929 begann der Wiener Kreis öffentlich zu wirken, über den Verein Ernst Mach. Rasch wurde der Wiener Kreis zum roten Tuch für die antisemitischen und reaktionären Strömungen an der Universität Wien. Das politische Umfeld wurde zunehmend ungünstiger.
1934 starb Hahn. Der Verein Ernst Mach wurde nach den Februarkämpfen verboten, und Neurath musste ins Exil fliehen. Schlick wurde 1936 von einem ehemaligen Studenten erschossen. Der Wiener Kreis löste sich auf. In der Nachkriegszeit fasste der Wiener Kreis in Wien nicht wieder Fuß. Doch er wirkte international weiter, und ist aus der Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wegzudenken.
Publikationen zur Ausstellung DER WIENER KREIS:
– Karl Sigmund, Sie nannten sich Der Wiener Kreis. Exaktes Denken am Rand des Untergangs. Wiesbaden:SpringerSpektrum 2015.
ISBN 978-3-658-08534-6
– Christoph Limbeck-Lilienau / Friedrich Stadler (Hrsg.), Der Wiener Kreis. Texte und Bilder einer Ausstellung. Münster-Berlin-London: LIT Verlag 2015.
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