Ingrid Wiener 1968-1972
Neu bei Hanser: Carolin Würfel: Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung. Wien 1968 | Berlin 1972.
Aus dem Prolog von Carolin Würfel:
„ Fünf Jahre ist das nun her, dass ich zum ersten Mal in der Galerie Barbara Wien vor dem Wandteppich von Ingrid Wiener stand. Es war ein kalter Samstagnachmittag im Februar. Draußen hingen die Wolken träge vom Himmel. Die Melancholie, die Berlin jedes Jahr im Winter heimsucht, hatte sich eingenistet, in Brust und Kopf und Stadt, und würde so schnell nicht wieder verschwinden. Also ging ich in Ausstellungen, besuchte Galerien und Museen, lungerte vor Bildern, Filmen und Skulpturen herum, weil die Kunst den endlosen Grautönen etwas entgegensetzte. Der Wandteppich, vor dem ich damals in der Galerie stand, war in etwa so groß wie eine Zeitungsseite. In ihn war in krakeliger Handschrift eine Einkaufsliste eingewebt: »Fleisch, Kaffee, Öl, Käse« stand da mit schwarzem Faden geschrieben.
Die Buchstaben ließen sich nur schwer entziffern, so als wären sie in Eile notiert worden. Mit etwas Abstand hätte der Teppich auch Papier sein können, das immer wieder auf- und zugefaltet worden war und deshalb etwas müde an der Wand hing. »Das ist von Ingrid Wiener«, sagte Barbara Wien, die Galeristin.“
"Nehmen Sie Ihr Kind von der Schule, mit ihrem Aussehen hält sie die Schüler vom Lernen ab!" Es ist das Wien der 1960er, Ingrid Wieners Eltern folgen dem Rat des Lehrers. Doch aus einem Akt des Gehorsams wird eine Geschichte der Rebellion: Ingrid schließt sich einer Gruppe berühmter Künstler an. Nach skandalösen Protestaktionen flieht sie mit den Männern nach Berlin, wo sie das legendäre "Exil" gründen. Ihre Küche zieht bald Stars wie David Bowie, Peter O’Toole und Max Frisch an. Wer ist diese Frau, der die Männer Platz machten in ihrer Mitte und die zugleich entschlossen ihren eigenen Weg als Künstlerin ging? Carolin Würfel lässt die außergewöhnliche Atmosphäre jener Zeit wiedererstehen und zeichnet das Porträt einer inspirierenden Frauenfigur.
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