Es juckt mir in den Fingern. Ich schleiche um die Regale der Bahnhofsbuchhandlung, möglichst unauffällig. Das Objekt meiner Begierde: The New Yorker. So nah und doch so fern: Denn da liegt sie, die aktuelle Ausgabe des berühmten Wochenmagazins. Aber 10,50 Euro sind für das extra von der Ostküste verschiffte Heft einfach zu viel: dekadent teuer. Und doch…
Ich erzähle meiner Kollegin Frau Taube von meinen Qualen. “Ach, du bist ein Printie!”, bemerkt sie halb spöttisch, halb mitleidig. Ja, das bin ich – einer, der noch an die Holzmedien glaubt. Das Zeitungssterben macht mir Angst und ich frage mich, wie das gehen soll, gesellschaftlich und ästhetisch – Journalismus ganz ohne Druckerschwärze.
Wunderbares urbanes Gewäsch
“He subscribes to The New Yorker” – in den USA reicht das zur Charakterisierung eines Menschen scheinbar schon aus. Seit über achtzig Jahren bietet das Magazin große, gute Artikel zu Themen der Gesellschaft, Kunst und Politik. Dorothy Parker schrieb für den New Yorker, und Pauline Kael auch. Und die legendäre Pointenlosigkeit der Karikaturen hat mal eine ganze Seinfeld-Folge inspiriert. Also: das ganze links-bourgeoisie Intellektuellen-Großstadtzeug. Und Harry Rowohlt weiß: “Mit dem Zug fahren und dabei den New Yorker lesen – mehr kann man fürs Image gar nicht tun”.
Aber ich kenne das alles nur vom Hörensagen. Ich könnte die Artikel von Malcolm Gladwell und erstveröffentlichten short stories von Jonathan Safran Foer natürlich ohne Probleme online lesen. Aber das will ich nicht.
Ein Hoch auf die Aura
Denn da fehlt mir die Aura. Ich habe die Kunst, die mir viel bedeutet, ganz gerne als reales Objekt vor mir. Ich mag Booklets, Bücher in Schubern und Boxsets. Downloads von iTunes können auf Dauer keine CDs ersetzen, und Kindle ist die Hölle.
Das mag man für affektiertes Gegen-die-Zeit-Stellen halten. Ganz rückwärtsgewandt bin ich aber auch nicht. Ich mag das Internet, und was es mir bietet: Nämlich die Möglichkeit, ein paar meiner dekadenten Sammlergelüste zu befriedigen. Endlich komme ich an Dylan-Bootlegs, ohne mich mit diesem Schallplattenarschloch auf der Kastanienallee rumschlagen zu müssen – ganz genau, dich meine ich! – und erst letzte Woche bin ich auf eine Fernsehaufnahme von Sam Fullers Park Row gestoßen, der nicht auf DVD erhältlich ist.
Elegie in Druckerschwärze
Der Film des Hollywood-Renegaten ist eine großartige Liebeserklärung an die Tageszeitung klassischen Zuschnitts und die Männer, die sie machen – integre Trunkenbolde, die sich buchstäblich um die heißen Stories prügeln und “Stop the presses!” rufen. Das muss es wirklich mal gegeben haben, heute ist es nur noch ein schöner Traum.
Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als zu versuchen, dem untergehenden Printwesen doch noch ein paar bedruckte Seiten abzuluchsen, als Autor und als Leser. Und traurig zu seufzen. Late to the party, wie man so schön sagt.
10 Kommentare zu
Lustige Vorstellung, dass es irgendwann, wie bei Fahrenheit 451, Print-Piraten gibt. (Im Gegensatz zu den aktuellen Piraten, sozusagen.)
Sicherlich wird es die Branche noch geben, und die Magazinstrukturen. Nicht aber, oder nur noch vereinzelt, die Magazine an sich als gedrucktes Produkt. Das glaube ich, man mag es Fatalismus nennen. Kindle und iPhone-Apps tragen ihren Teil dazu bei. Viele Leser benutzen lieber ihren e-Reader, als eine unhandliche Zeitung extra am Kiosk zu kaufen und dann auch noch umblättern zu müssen - manuell, meine ich. Bedrucktes Papier wird rarer werden. Und das finde ich, als Nostalgiker, schade.