Thorsten Nesch ist für Überraschungen gut. Das ging mir bei dessen Kabinettstückchen „Die Lokomotive“ durch den Kopf, einem Lesestoff, den mir Max Franke von epubli empfohlen hatte. Nach der Lektüre kam ich mit Thorsten ins Gespräch, dessen Jugendromane „Joyride Ost“ und „Verkehrt!“ bei Rowohlt verlegt sind. Ich wollte wissen, warum sich für „Die Lokomotive“ kein Verlag finden ließ. Eine surreale Geschichte, die existenzielle und ethische Fragen aufwirft, und noch dazu auf so engem Raum spielt, dass das Atmen beim Lesen gelegentlich schwer wird.
Thorsten berichtete mir von jahrelangen Bemühungen darum, den Absagen seitens der Verlage und dem daraus resultierenden Entschluss, Titel, die Verlage abgelehnt haben, in Eigenregie bei epubli zu veröffentlichen. Aufhorchen ließen mich die Argumente der Verlage: Das, was mich für „Die Lokomotive“ besonders eingenommen hatte, hielt Verlage teilweise sogar von einer Publikation ab.
Aufhänger der packenden Story ist ein Zugunglück, das sich zwischen dem Festland und der Insel Sylt ereignet. Während die Flut steigt, erwacht der Broker Thomas Ochs aus einer Ohnmacht: Eingeklemmt unter Stahltrümmern, dem Puffer der Lokomotive gefährlich nahe, der sich nach und nach absenkt. Ochs stößt auf einen weiteres Opfer der Katastrophe, den Rentner und Alt-Gewerkschaftler Baehr. Sie kämpfen gemeinsam ums Überleben. Und auch gegen einander aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensstile und gegensätzlichen Weltanschauungen …
Da ich dem Phänomen der Verlagsabsagen näher auf die Spur kommen wollte, unterbreitete ich Thorsten den Vorschlag, ob er nicht den Anfang für eine kleine Blütenlese in der Art „Best of: Verlagsabsagen“ machen wolle. Er sagte spontan zu und war wiederum für eine Überraschung gut. Aus seinem Erfahrungsbericht, der auch Tipps für schreibende Kollegen im Umgang mit Verlagsabsagen enthält, ist ein unterhaltsamer Rückblick auf den eigenen schriftstellerischen Werdegang geworden, den SteglitzMind ab heute in drei Fortsetzungen bringt. – Ich sage Thorsten dafür ganz herzlich danke.
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„Die Probe lässt stilistisch wenig Wünsche offen.“ – Aus Absagen lernen
Meine erste Absage erhielt ich am 1. Oktober 1990. Ein denkwürdiger Tag. Nach Freunden und meinen ersten Lesungen hatte endlich jemand aus einem großen Verlag mein mit Schreibmaschine getipptes Manuskript gelesen. Die Lektorin wies mich sogar persönlich ausdrücklich darauf hin, „dass diese Ablehnung in erster Linie aus programmpolitischen Gründen erfolgt“. Ja!, dachte ich, ich bin auf dem richtigen Weg: Die Ablehnung hatte rein gar nichts mit der Qualität eines Textes zu tun! –Was Musterabsagen waren, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
So ging das bis 1994. Dann kamen handschriftlich ergänzte Musterabsagen dazu, zum Beispiel mit einem Ausrufezeichen nach der Verabschiedung. Oder ein ganzer Nebensatz wurde der Absage hinzugefügt „da ihr Text eher ein jugendlich intellektuelles Publikum anspricht“. Ich schwor mir damals: Sobald ich eine Idee für ungebildete Alte hatte, würden die wieder von mir hören.
Eine Absage verlieh mir sogar ein Diplom der Mineralogie. Es war eine Absage für jemand anders. Irrtümlich unter meinem Namen an mich geschickt. Statistisch gesehen verständlich, eine Verwechslung muss es auch mal geben bei der Flut der Einsendungen. Es fühlte sich aber auch unbekannt gut an – jemand hatte mir wirklich einen Universitätsabschluss zugetraut.
Und dann gab es die schönen Absagen. Ja, die gibt es, denn sie zeigten, dass ich schriftstellerisch doch auf meinem Weg war. Eine Geschichte verschickte ich mit einer Postfachadresse unter einem Pseudonym mit einer erfundenen Vita – übrigens einer wirklich coolen – und wurde erwischt. Die Absage kam an meine Hausadresse mit meinem Namen: „Wusste ich es doch, dass mir Ihr Schreibstil bekannt vorkommt“. In meiner Verblendung habe ich das damals unreflektiert positiv interpretiert, wegen der Tatsache, dass man mich an meinem erstklassigen Schreibstil wiedererkennen würde. Man kann das ja aber auch anders lesen …
Jemand schrieb: „Die Probe lässt stilistisch wenig Wünsche offen.“ Das war schon ein echtes, zweifelloses Lob. Das fühlte sich richtig gut an. Ein anderes Mal wurde mir versehentlich die positiv empfehlende schriftliche Einschätzung einer Lektorin mitgeschickt: „…könnte das Werk einen Beitrag zur psychologischen Situation unserer Gesellschaft leisten“. Hallo, die empfahl eine Veröffentlichung! Recht hatte sie, aber in der Programmplanung hatte bereits ein anderes Buch zu einem ähnlichen Thema Platz gefunden. Daher Absage. Pech gehabt.
Diese Absagen haben mir wirklich etwas bedeutet. Ich wollte besser werden, und es klang, als wäre dem so. 1996 folgte für mich der literarische Ritterschlag. Persönlich hatte ich mein Ziel des glaubwürdigen Schreibens erreicht, als eine biografische Geschichte mit dem Zusatz abgelehnt wurde, ich solle doch „mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und weniger übertreiben“. (Was natürlich für die nicht näher erläuterbaren Geschehnisse der 90er Jahre spricht.) Und eine fiktive Story wurde abgelehnt: ich solle „etwas über das Realistische hinausgehende“ schreiben. – Für mich war klar: Ich konnte Fiktion als Realität verkaufen und umgekehrt. Ich war Schriftsteller. Qualitativ hatte ich mein Ziel erreicht. Ende 1996.
Apropos Absagen: Einigen Umschlägen mit Exposee, Vita und Leseprobe hatte ich eine Musterabsage zum Ausfüllen beigelegt. Ein selbst entworfenes Absageformular, mit der Bitte, mir einige Hinweise oder Tipps zum Schreiben zu geben. Ich setze mich eben gerne mit Literatur auseinander. Damals war Creative Writing weitgehend unbekannt, und es gab lediglich gefühlte fünf verklausulierte Sachbücher zum Thema. So bekam ich die Idee, die Quelle selbst anzuzapfen. Leider nutzte nur ein Lektor die Möglichkeit: „Wenn das Buch nur halb so witzig wäre wie die Musterabsage“. Ein bisschen mehr Sportsgeist hätte ich mir gewünscht. – Ich wollte doch nur lernen.
Aber es gab auch einen sehr von mir geschätzten Verlag, der mich in der eigens für mich komponierten Absage in Fettschrift gebeten hatte: „Bitte nichts mehr schicken!“ Sagen wir mal, ein kleiner Genickschlag. Ich schätze den Verlag immer noch – auch für seine Ehrlichkeit. So habe ich mir viel Geld erspart und wir uns beide Zeit.
1998 flatterte die ganz besondere Absage ins Haus, eine Meisterabsage, wie ich sie nenne, von KiWi: „Gut geschrieben, aber der letzte Kick fehlt mir noch. Halten Sie doch mal Kontakt zu meiner Kollegin“, gez. Martin Hielscher (nach Diktat verreist). Auch ich vereiste nach dem Diktat. Nach Kanada. Das war vorerst meine letzte Absage.
Das soll euch nicht auch so gehen, liebe Kollegen und Kolleginnen. Mir hat das vorher niemand gesagt. Deswegen tue ich das einfach mal hier, vielleicht ist ja noch jemand so stumpf wie ich, aber bei so einem Angebot MELDET MAN SICH DANN DA AUCH MAL! Ich glaube, ich bin deutlich geworden. Ich weiß nicht, warum mir das damals nicht klar war. Jedenfalls habe ich mich damals nicht bei seiner Kollegin gemeldet, sondern bin mit der Einstellung in den englischsprachigen Teil Kanadas gereist: Was Joseph Conrad kann, kann ich schon lange. Der wurde auch in seiner Zweitsprache verlegt, und zwar recht erfolgreich. Zum Thema Autorenhybris werde ich vielleicht auch mal etwas schreiben.
© Thorsten Nesch
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Zum 2. Teil geht es hier. – Mehr über Thorsten Nesch erfahrt Ihr hier.
So Ihr ebenfalls zu der kleinen Blütenlese „Best of: Verlagsabsagen“ beitragen möchtet, nur zu. Dafür könnt Ihr die Kommentarfunktion nutzen oder mir eine eMail mit Euren Erfahrungen senden, die dann wiederum in Gänze oder in Auszügen in weitere Beiträge zum Thema einfließen könnten.
„Passt nicht ins Programm“, „wir haben lange überlegt“, „haben in der Redaktionskonferenz über das Manuskript gesprochen“, „ist wirtschaftlich ein Wagnis“, „Ihr Manuskript konnte uns leider nicht überzeugen“, „wir sehen leider keine Möglichkeit für eine Veröffentlichung“ – so klingen Standardabsagen von Verlagen. Ich freue mich auf einschlägige Erfahrungen von Euch 😉