Nicht deine Brille und überall du
„Das Leben ist vom Tod nur durch einen Herzschlag getrennt. Friederike Mayröcker spricht vom Tod als einen Zerbrecher und Zerstörer, Ilse Aichinger sieht den Tod als einen ersehnten Zustand. Zwischen diese zwei extremen Zugänge zur Tatsache des Sterbenmüssens stellt die Autorin Erika Kronabitter ihre Gedanken zu Sterben und Tod als Übergänge, Ahnungen, Vorahnungen, vielleicht als Vorbereitung zum Wissen und schlussendlich Abschiednehmen, Getrenntsein und Erinnern. Die Lyrik im vorliegenden Band führt die LeserInnen an den Rändern des Trauerns entlang - und bei aller Trauer lebt im Erinnern die Kraft des Erlebten.“ So führt uns stimmig der Verlagstext an das Buch.
Erika Kronabitters Gedichte sind ein einziges ausladendes Requiem. Sie sind zudem ein Randgang zwischen dem „Gerade Noch“ und dem „Nicht Mehr“. Die Texte bilden eine formale Zusammenschau aus einem äußerst sphärisch-subtilen Gestus und einer hohen Sprachgeschwindigkeit. Das macht sie so aufgeladen.
Das Buch kreist um die Themen Abschied, Vergänglichkeit, Verlust und Trauer, eine Trauer, die jedoch mitten aus dem Leben gegriffen ist, die vital ist, poetisch, mitunter laut und beinahe trotzig.
„Als ob ich dich schnell anrufen müsste und/ dir erzählen“.
Da spricht/ ruft ein waches lyrisches Ich, das sich vehement der Endgültigkeit und dem Unwiederbringlichen widersetzt.
Da gestalten sich Erinnerungs/Bilder aus der Negation heraus „vor dem haus nicht mehr/im garten nicht mehr...“ und werden auf diese Weise plastisch, lebendig.
Nicht nur der Mutter sind Gedichte gewidmet. Unter anderen auch Autor/inn/en wie dem verstorbenen Lyriker Gerhard Kofler.
Erika Kronabitter wendet unterschiedlichste formale Umsetzungen des Themas an, manche der Texte sind eher dramatisch angelegt, Partituren gleich, andere wieder von strenger Textur, schmal und voll von Parallelismen. Dann wiederum gibt es zyklenartige Reihungen wie dieses Gedicht:
requiem für eine mutter
1
garten leervor dem haus nicht mehr
im garten nicht mehr
auf der straße nicht mehr
beim bäcker nicht mehr
auf dem marktplatz nicht mehr
beim busplatz nicht mehr
vor dem haus nicht mehr
auf der straße nicht mehr
garten leer2
überall leerim badezimmer nicht mehr
stundenlang
beim frisieren nicht mehr
stundenlang
beim eincremen nicht mehr
stundenlang
beim pflegen nicht mehr
alle stunden
überall leer3
so leerbeim kirchgang nicht mehr
deine fürbitten nicht mehr
dein knien nicht mehr
dein rosenkranz nicht mehr
deine beichte nicht mehr
dein sühnegebet nicht mehr
die übrig gebliebene kommunion
deine innigkeit nicht mehr
beim segen nicht mehr
deine dankesgebete nicht mehr
verwaist die freundinnen
irritiert die gespräche
alle augen auf deinem platz4
so eine fraueine so saubere frau
beim kochen nicht mehr
eine so flinke frau
beim geschirrwaschen nicht mehr
eine so genaue frau
beim armaturenputzen nicht mehr
eine so fleissige frau
beim bodenputzen nicht mehr
eine so tüchtige frau
beim staubwischen nicht mehr
eine so zuverlässige frau
beim wäschewaschen nicht mehr
eine so ordentliche frau
beim bügeln nicht mehr5
und porzellandeine liebe zu glasfiguren
deine freude an kristall
das schöne immer noch schön
nie verwendet so geliebt
früher nicht und später nicht
dein blick noch am rosenporzellan
verwehte augen
dein streicheln über
die spitzen und deckchen
(mein dich belächeln)
deine tischtücher gebügelt
immer noch schön
für keinen sonntag mehr und
keine anderen tage6
pläne nicht mehrdeine träume nicht mehr
deine sehnsucht nicht mehr
deine reisen nicht mehr
dein wien nicht mehr
dein theater nicht mehr
deine hoffnung nicht mehr
deine pläne nicht mehr7
kein mehrkein kommen mehr
kein gehen mehr
keine küsse mehr
keine umarmung mehr
kein winken mehr
kein auf dich freuen mehr
kein zumfensterschauen mehr
dein ausdemfensterschauen nicht mehrdeine anrufe nicht mehr
deine fragen nicht mehr
dein mahnen nicht mehr
keine ratschläge mehr
deine forderungen nicht mehr
deine fürsorge nicht mehr
keine freundlichen worte mehrdeine hektik nicht mehr
dein zittern nicht mehr
deine sehstörung nicht mehr
deine rückenschmerzen nicht mehr
deine krankheit nicht mehr
deine angst nicht mehr
deine seelennöte nicht mehr
deine traurigkeit nicht mehr8
im fehlen dunoch deine kleider in den kästen
noch deine schuhe im schrank
noch der duft von lavendel
zwischen deinen slips und bhs
auch später noch
nach monaten oder sind es jahre
pudergeruch
der duft von creme und parfum
im fehlen du
in allen zimmern9
überall duein roter mantel an der bushaltestelle
nicht dein roter mantel
eine gelbe bluse
nicht deine bluse
die runden hüften
nicht deine hüften
die dunklen haare
nicht dein dunkles haar
die brille
nicht deine brille
und überall du
Ansprechend, weil zart und wie aus einer anderen Dimension geholt, die Coverzeichnung, von der Autorin, Künstlerin selbst gefertigt. Ans Herz gelegt!
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