Die schrecklich schöne Schweiz

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Die schrecklich schöne Schweiz

Von Stephan Wehowsky, 02.05.2017

Der Fotograf Hans Peter Jost zeigt in seinem Bildband die Schweiz so, wie wir sie gerne sehen. Aber er zeigt auch Seiten, die wir nicht sehen möchten.

Je länger man bei diesen sorgfältig gestalteten und technisch perfekten Fotos verweilt, je öfter man zwischen ihnen hin und her blättert, desto bedrängender springt so etwas wie Zerrissenheit ins Auge: Die Natur ist schön, aber ihr wird ihre Schönheit zum Verhängnis. Ihre Anziehungskraft ist grösser als ihre Tragfähigkeit. Diese reicht für den Tourismus nicht aus. Auch die Nutzung der Wasserkraft schädigt die alpine Landschaft. Dazu kommen Strassen, Tunnel, Eisenbahnen.

Mut und Können

Dieses Thema ist alles andere als neu. Auch andere Fotografen haben es wiederholt gesehen und dargestellt. Die  Fotostiftung Schweiz  in Winterthur hatte 2013 eine Ausstellung unter dem Titel „Adieu la Suisse“. Im laufenden Jahr veranstaltete sie aus Anlass des 100-jährigen Bestehens von „Schweiz Tourismus“ in Winterthur eine Ausstellung mit internationalen Fotografen. Und in einer grossen Retrospektive, die im vergangenen Herbst beim Göttinger Steidl Verlag erschienen ist, werfen die Fotos von Arnold Odermatt wunderbare Schlaglichter auf die Schweiz. Dazu kommen diverse Werkschauen von Schweizer Fotografen, die sich ebenfalls intensiv mit ihrer Heimat beschäftigt haben.

Es gehören Mut und Können dazu, vor diesem Hintergrund zum Thema der Alpen einen neuen Bildband von nahezu dreihundert Seiten und fast 250 Bildern in einem nicht eben kleinen Format vorzulegen. Hans Peter Jost konnte den renommierten Zürcher Verlag Scheidegger&Spiess ebenso überzeugen wie eine beachtliche Anzahl von Gönnern und zusätzlichen Unterstützern über Crowdfunding.

Der Band ist in vier Themen gegliedert: Heimat, Energie, Freizeit, Transit. Jeder der vier Bildfolgen steht ein Text voran. Im ersten Textbeitrag vor der Bildfolge „Heimat“ schlüpft der Journalist Erwin Koch in die Rolle einer Frau, die 1916 geboren, in jungen Jahren Winter für Winter auf dem Pilatus zubrachte, weil zunächst ihr Vater, später ihr Ehemann für den Unterhalt der Hotels Pilatus Kulm und Bellevue zu sorgen hatten. Es muss sich dabei um ein Mini-Sibirien mitten in der Schweiz gehandelt haben. Auch wenn der Text übertrieben sein mag, beeindruckt er sehr.

Davos. Hotel InterContinental und Residences © Hans Peter Jost
Davos. Hotel InterContinental und Residences © Hans Peter Jost

Denn er macht überdeutlich klar, dass die früheren vermeintlichen Idyllen, die heute durch moderne Technik und die Mobilität aufgezehrt werden, den Menschen einen enorm hohen Preis abverlangten. Heute wäre wohl kaum jemand, der sich über den Massentourismus beklagt, bereit, wochenlang in einem ungeheizten Raum ohne Strom zu schlafen und morgens als erstes den hereingewehten Schnee von der Bettdecke zu entfernen. Oder in der Eintönigkeit der Tage schon beim Aufwachen zu denken: Ach, wäre es doch bereits Abend.

Schäden und Schönheit

Sehr gelungen ist auch der Beitrag zum Thema Wasserkraft. Der Ingenieur Emil Zopfi sieht sehr deutlich, dass die Gewinnung der Wasserkraft Eingriffe in die Alpen darstellt, die auch langfristig zu irreversiblen Schäden führen werden. Die Stauseen, die das Bild der Natur erheblich verändert haben und zum Teil gegen den Widerstand der betroffenen Bergbauern durchgesetzt worden sind, werden bis zum Ende diese Jahrhunderts versanden und aufgrund des Abschmelzens der Gletscher kaum noch Wasser führen.

Aber Emil Zopfi schreibt auch, wie sehr ihn als Techniker die Schönheit der Kraftwerke und der unterirdischen Anlagen fasziniert. Das ist die Ambivalenz, in der wohl die meisten Zeitgenossen stehen und die der Fotograf Hans Peter Jost bildnerisch zum Ausdruck bringt. Die modernen Transitsysteme, Beleuchtungen und technischen Einrichtungen haben ihre eigene Verführungskraft. Sie dienen nicht nur Zwecken, sondern sind ein Teil unserer faszinierenden Kultur.

Das gilt aber nicht für alle technischen Anwendungen. Von besonderer Problematik – um das Wort Widerwärtigkeit zu vermeiden – ist die künstliche Erzeugung von Schnee. Der leidenschaftliche Alpinist und Journalist Helmut Scheben hat sich auf dieses Thema gestürzt, und die Bilder von Hans Peter Jost im Abschnitt „Freizeit“ lassen einen schon an der Mentalität derjenigen zweifeln, die auch dann noch auf Skiern unterwegs sein wollen, wenn die Landschaft um sie herum keinen einzigen Schneeflecken mehr zeigt.

Davos. Präparation der Langlaufloipen mit konserviertem Schnee der letzten Saison © Hans Peter Jost
Davos. Präparation der Langlaufloipen mit konserviertem Schnee der letzten Saison © Hans Peter Jost

Überhaupt der Rummel in der Freizeit. Hans Peter Jost zeigt einige Auswüchse, ist dabei aber längst nicht so gehässig wie der britische Starfotograf Martin Parr in der Zeitschrift „Du“ vom Juni 2013. Vielmehr nimmt Hans Peter Jost die Perspektive eines Zeitgenossen ein, der neugierig ist, der etwas sehen und erleben will, aber nicht gleich urteilt. Seine Bilder vom Massenansturm auf Skilifte und Pisten allerdings lösen ein Grauen aus, das durch einige Beobachtungen von Helmut Scheben noch gesteigert wird. Scheben beschreibt, wie die Besucher von Wintersportorten in die Tiefgaragen fahren, sich dort mehr oder weniger fluchend die unbequemen Skistiefel anziehen, um sich dann „einen Platz in der Warteschlange vor der Gondel zu erkämpfen“.

Werden die Alpen von der „Erlebnisindustrie“ zu einem neuen „Disneyland“ umgebaut, fragt Helmut Scheben. Die Stärke der Bilder von Hans Peter Jost liegt auch darin, dass sie immer wieder die Sehnsucht nach dem zum Ausdruck bringen, was die Schweiz mit ihrer ländlichen und bäuerlichen Kultur einmal war.

Alpen-Blicke, herausgegeben und mit Fotografien von Hans Peter Jost. Mit einer Einführung von Mario Broggi und Texten von Erwin Koch, Helmut Scheben und Emil Zopfi, Gebunden, 304 Seiten, 247 farbige Abbildungen, 59 Franken

Der Artikel dürfte ruhig noch etwas konkreter werden. Ich bin mittlerweile 63 J., und war mit 22 J.
(1976) das erste Mal in Saas-Fee, da war es noch beschaulich und übersichtlich. Sicher etwas teurer als das stets hinter der Schweiz rangierende Österreich, aber dafür sehr eindrucksvoll. Nun kann man ja als Bergfreund auch woanders hinfahren, aber ob Bernina, Aletsch, Scuol, Stubai, Sölden, Ischgl, Zugspitze oder... oder... nirgendwo sehe ich Einhalt, Selbstbeschränkung oder Demut gegenüber der Natur... noch mehr Hotels, noch mehr Bergbahnen, noch mehr Aufsichtsrats-Vorsitzende, die im Nichts-Tun traumhafte Gewinne abschöpfen. Wie gut, dass wenigstens die Olympiade in Garmisch-Partenkirchen verhindert wurde!!

Die immer spektakulärer werdenden Funparks, Klettersteige, sinnlosen Hängebrücken oder Aussichtsplattformen à la Grand Canyon sind Sinnbild einer Verschwendung von Material, Ressourcen und Energie. Im Grunde genommen ist jede Seilbahn, jeder Klettersteig ein Betrug am Besucher (und zwar überall), denn ohne die technischen Mittel kämen 99% der Alpenbesucher gar nicht dort hin/auf. Und das wäre auch gut so. Ich wünsche den Alpen, dass Hunderttausende Besucher entweder selbst auf das Jungfraujoch steigen, oder das Muotta-Tal erwandern... was ja nicht geschehen wird, weil die überwiegend deutschen Großstädter mit Übergewicht da gar nicht hinkommen, wenn nicht irgendeine Eisenmaschine sie bis vor die Türe hinschafft. Aber dem Hotelier in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland sind die Euros der un/liebsamen "Piefkes" offenbar wichtiger als der Erhalt der Natur vor der Haustüre.

Die Gier nach Geld, Anlagen und Hotels, Bebauung in Gefahrenzonen, die wieder Geld generieren sollen, wird eines Tages von der Natur überrannt werden, und es wird immer teurer, die Bauten eines Tages erneuern zu müssen. Wie pervers die Geldmaschinerie ohne Rücksicht auf Natur+Mensch läuft, zeigt der Skizirkus rund um die FIS (ein nicht weniger geldgieriger Haufen wie FIFA, UEFA, IOC oder nationalen Vermögensbeschaffungs-Instituten), indem aus hochalpinen Regionen Schnee mit stinkenden Diesel-LKW's zu den Austragungsorten von Ski- und Biathlonrennen herangekarrt werden muss. Stadtparcours wie in Düsseldorf (ein Schneeband mitten durch die Stadt) ist an Perversion kaum noch zu überbieten, Sport-"Wettkämpfe" - also Sponsor-Verkaufsveranstaltungen mit durchtrainierten Bewegungstalenten und einstudierten Aufsage-Texten (als Interviews getarnt) - nutzen nicht mal 1% der Beteiligten. Der Alpen-Bevölkerung auch nicht (vielleicht den Heli-Produzenten, um die Verunfallten wieder aus dem Berg herauszuholen).

Da sich der Mensch nicht zu bewegen scheint, machen es eben die Berge: Die gewaltigen Felsabbrüche, ganze Berghänge rutschen durch Gletscherrückgang und Lufterwärmung im Jahresmittel ab, sorgen für die notwendige Veränderung, denn der Mensch bleibt scheinbar dumm und uneinsichtig bei immer weiteren Plänen, die im wahrsten Sinne des Wortes "nicht mehr zu halten sind".

Ich hoffe, die Alpen erholen sich in ein paar Jahrhunderten wieder von der Gier des Menschen!
MfG Henry Gerwien

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