Ist Siezen altmodisch?

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Ist Siezen altmodisch?

Von Reinhard Meier, 16.09.2016

Die Du-Anrede breitet sich auch im Deutschen immer mehr aus. Aber das Siezen einfach abzuschaffen, wäre eine sprachliche Verarmung.

Mein Vater arbeitete als Prokurist mit einem Bürokollegen mehrere Jahrzehnte zusammen. Die beiden verstanden sich auch menschlich ganz gut, aber sie haben sich stets gesiezt. Aus heutiger Sicht mutet das ziemlich steif und altmodisch an.  Doch wer über solche scheinbar verstaubte Verhältnisse die Nase rümpft, sollte bedenken, dass auch so progressiv geltende Geister wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sarte sich zeitlebens gesiezt haben.

Im EWZ jetzt per Du

Gewiss, heute ist auch in dieser Hinsicht vieles anders. Unter Berufskollegen und selbst unter Nachbarn ist man in der Regel viel schneller und umstandsloser beim Du angelangt, als noch vor ein, zwei Generationen. Im vergangenen Jahr verbreitete eine Pressemeldung die frohe Nachricht, der Chef der Elektrizitätswerke Zürich (EWZ) habe die Losung (oder war es ein Befehl?) ausgegeben, dass sich künftig alle Mitarbeitenden im Betrieb per Du anreden werden.

In Schweden wird schon länger nur noch geduzt. Die Du-Kultur wird offenbar in sämtlichen Ikea-Märkten auch ausserhalb Schwedens konsequent praktiziert – jedenfalls was den Umgang der Mitarbeiter untereinander betrifft. 

Das Duzen deutet – zumindest auf sprachlicher Ebene – eine gewisse Nähe oder Vertraulichkeit an, es signalisiert einen unkomplizierteren,  zwischenmenschlichen Umgang, mehr Egalität und weniger Hierarchie.

Muss ich meinen Banker duzen?

Doch wollen wir solche automatische Vertraulichkeit in allen Lebenslagen? Will ich mit meinem Nachbarn, mit dem mich gar nichts verbindet, unbedingt per Du sein? Muss ich meinen Banker duzen, nur weil das als sozial modern und unverklemmt gilt?  Muss ich es unbedingt akzeptieren, wenn mich ein unbekannter 16-jähriger Gymnasiast bei einer E-Mail-Anfrage umstandslos mit „Du“ anredet? Weshalb soll der sprachliche Ausdruck einer gewissen Distanz keine Option sein?

Ich meine, wir sollten bestehende Differenzierungsmöglichkeiten  im sprachlichen Umgang nicht generell abschaffen. Der Gebrauch der Höflichkeitsform mit „Sie“ anstelle eines vordergründig gleichmacherischen „Du“ kann in manchen Situationen ein ehrlicheres, sachlicheres Gesprächsklima begünstigen.

Das englische „you“ bedeutet nicht automatisch „Du“

Mitunter wird von unbedingten Verfechtern des Du-Zwangs argumentiert, im Englischen gebe es ja auch keine Sie-Form, sondern nur das egalitäre „you“. Doch dieses „you“  bedeudet nicht automatisch Du. Es kann, je nach Kontext, auch „ihr“ heissen, also zweite Person Plural. Wird man in einem englischen Brief mit „Dear Sir“ oder „Dear Madam“ angesprochen, so ist das folgende „you“ bestimmt nicht mit „du“ zu übersetzen. 

Keine schlechte Lösung im Dilemma zwischen Duzen und Siezen ist eine Anrede-Mischform:  Man bleibt beim „Sie“, spricht sich aber beim Vornamen an.  Also: „Walter, erklären Sie uns doch bitte, wie dieser Fall zu lösen wäre.“ Bei dieser Variante kommt sowohl kollegiale Verbundenheit als auch respektvolle Höflichkeit zum Ausdruck.

Wie gesagt, der Zeitgeist geht in Richtung Du. Doch es gibt keinen Grund, das Duzen als politisch und sozial korrektes Einheitsmodell durchzudrücken.

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Die schwedische Sprache hat ja gar kein Sie-Form, also mit Schweden vergleichen ist Quatsch

Das Englische, es scheint so gewollt, soll offenbar die restlichen Sprachen dieser Welt langfristig verdrängen. Gerade für die deutsche Sprache wäre dies eine Katastrophe, da Englisch bestenfalls als eine Art primitives Deutsch verstanden werden kann.

Da eine Sprache mit drei Geschlechtern, der Sie- und Du- Form und vier Fällen gewissen Nationen wohl zu schwer zu erlernen scheint, soll sich nun der Rest der Menschheit in diese primitive, angelsächsische Sprache fügen, auf dass die Verwalter des Englischen weltweit an Anfluß gewinnen können.

Englisch hat keine Deklination, kaum Konjugation, keine Unterscheidung zwischen Du- und Sie-Formen. Präpositionen sind in allen Sprachen voller Tücken. Englisch werde erst schwierig in den höheren Sphären der Sprache, sagt man immer wieder zur Entschuldigung. Aber ehrlich: Deutsch, französisch, spanisch usw. (arabisch, türkisch, persisch?) sind auf allen Stufen schwierig und deshalb wohl zu wenig simpel für jedermann. Wäre alles nicht so schlimm, wenn die Dominanz der einen über die andern und die sprachliche Unterwerfung unter die einen nicht wäre.

Die Du- und Sie-Formen gehören zur deutschen und zu den lateinischen oder romanischen Sprachen. Aber man kann sich natürlich auch hier angelsächsischen Gepflogenheiten unterordnen. Kommt mir manchmal vor wie geistige Kolonialisierung. Aber es gibt viele, die sich liebend gerne unterwerfen! Es ist so cool. Sprache ist Macht, genauso wie geschichtliche Narrative.

Möglicherweise haben Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre auch ihre Eltern gesiezt, was in besseren gallischen Kreisen auch heute noch zu hören ist. Im Französischen duzt man sich im Allgemeinen weniger schnell als im Deutschen, das bereits stärker Angliziert ist.

Das Sie, so habe ich gelernt, sei eine Form des Respekts und des Anstandes. Aus fiesem Blickwinkel betrachtet also absolut unnötig, da Respekt und Anstand eine frage der Haltung und nicht der sprachlichen Ausdrucksweise ist. Und auch die oben genannte Distanz hat nichts mit der sprachlichen Form zu tun, sondern ergibt sich aus dem Respekt und Anstand. Das sind feinstoffliche und zwischenmenschliche Abläufe die über Nähe und Distanz entscheiden. Insofern ist und bleibt das Sie ein alter Zopf aus einer Zeit, in welcher man glaubte es gäbe besser und schlechtere Menschen. Damals als man sich Bedinstete hielt. Dies hat in unserer Zeit definitiv keinen Platz mehr.

Ja, Herr von Bergen, wer in Frankreich, Italien, im deutschsprachigen Raum nur noch duzen will, verringert klar seine Chancen im Berufsleben, vor Gerichten, als Bittsteller. Haben wir vielleicht deswegen so viele unqualifizierte Arbeitslose?

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