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Rezensionen > Zuckmayer, Carl / Seidel, Annemarie: Briefwechsel

Copyright: Wallstein Verlag, GöttingenViel Tollheit und heiteres Saufen
Der Briefwechsel Carl Zuckmayer - Annemarie Seidel

Carl Zuckmayer / Annemarie Seidel: Briefwechsel.
Herausgegeben von Gunther Nickel.
Göttingen: Wallstein Verlag 2003. (= Zuckmayer-Schriften.)
ISBN 3-89244-646-6
328 Seiten
EURO 29,00


"Unser Zusammenleben begann mit Verliebtheit und Phantasiespielen", schreibt Carl Zuckmayer 1966 in seinen Erinnerungen "Als wär's ein Stück von mir". Gemeint ist die Liaison mit der Schauspielerin Annemarie Seidel, die Zuckmayer im Dezember 1920 in Berlin kennenlernt. Während der Dramatiker aus Nackenheim noch ein unbeschriebenes Blatt ist, gehört die um einige Jahre ältere Geliebte zur arrivierten Schauspielergarde der Reichshauptstadt. Ihre Schwester, Ina Seidel, ist eine bekannte Romanautorin. Die heftige Romanze dauert nur ein gutes Jahr, Anfang 1922 trennen sich die beiden. Annemarie Seidel heiratet einen holländischen Millionär, Carl Zuckmayer arbeitet weiter an seiner Weltkarriere - und leidet. Doch keine Spur von Groll. "Ich bin durch Dich erst zu mir selbst gekommen", bekennt er im August 1924. Und hofft auf eine "tiefe bleibende Freundschaft".

Von dieser zeugen die über achtzig Briefe, die Gunther Nickel, Privatdozent an der Mainzer Universität, im Rahmen der Zuckmayer-Schriften zusammengestellt und sachkundig kommentiert hat. Garstige Seitenhiebe auf Schriftstellerkollegen finden sich ebenso wie grummelnde Kommentare zur weltpolitischen Lage oder kopfschüttelnde Randbemerkungen zur Situation des Theaters von der Weimarer Republik bis zu den Aufbaujahren der Bundesrepublik. Und immer wieder: "Manche Wüstheit, einige Liebe". Zuckmayer wird nicht müde, von "Saufgelagen" und amourösen Abenteuern zu berichten. Was seine Frau, Alice von Herdan, nicht wissen darf: Mirl, wie er Annemarie liebevoll nennt, vertraut er es an. Nicht in allen Einzelheiten, aber pikant genug.

Zahlreiche Briefe stammen aus der Zeit des amerikanischen Exils Zuckmayers. Im Herbst 1939 ist er in die USA gegangen, obwohl er, wie er mit bitterer Ironie einräumt, außer seinem "Mainzer Accent" keine weitere Fremdsprache beherrscht. Während Zuckmayer in den Bergen von Vermont einigermaßen über die Runden kommt, sitzt Mirl gegen Kriegsende im ausgebombten Berlin und leidet wie fast alle Deutsche an Hunger und Kälte. Den Lebensmut will sie sich dennoch nicht nehmen lassen - trotzig bekennt sie im September 1946: "Das Leben ist schön." Ihr "Carlchen" unterstützt sie nach Kräften, schickt Päckchen mit Kaffee, Zigaretten und neuen Schuhen.

Annemarie Seidel ist zu dieser Zeit bereits seit zehn Jahren mit dem Verleger Peter Suhrkamp verheiratet. In den fünfziger Jahren leidet die Ehe zunehmend unter Seidels exzessiver Trunksucht. 1954 trennen sich die beiden und beschließen fünf Jahre später, sich scheiden zu lassen. Zwei Tage vor dem Gerichtstermin, Ende März 1959, stirbt Peter Suhrkamp. Wenige Monate später folgt ihm Annemarie Seidel. Zuckmayer erfährt, tief bestürzt, vom Tod der Freundin erst aus der Zeitung.

Bewegende Dokumente aus bewegter Epoche: Fesselnd, spannend und humorvoll lassen die Briefe annähernd vierzig Jahre Literaturgeschichte lebendig werden. Und erzählen von Freundschaft und Liebe in gar nicht freundlicher Zeit.

Holger Dauer

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Eine leicht gekürzte Fassung der Rezension erschien unter dem Titel "Manche Wüstheit " zuerst in der "Allgemeinen Zeitung", Mainz (Nr. 27 vom 2. Februar 2004).

Buchcover: © Wallstein Verlag, Göttingen

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