Kolumne

If you see something, write something.

Zum Auftakt der Buchmesse haben sich die Zeitschrift Edit und Studierende des Leipziger Literaturinstituts in der Galerie für zeitgenössische Kunst (GfZK) mit den Möglichkeiten der „poetischen Handlungsfähigkeit“ beschäftigt und damit, „wie literarisch mit Rassismus, Intoleranz und rechter Politik umgegangen werden kann“.

„Ja, und es regnet. So ist es mit jedem Moment – er muss, ehe er erkannt, ehe er als anderen ähnlich bestimmt und vernachlässigt werden kann, gelebt sein, gesehen.“

Alles fängt im Keller an. Der Keller ist auch eine Bibliothek, aber heute Abend ist er vor allem Echokammer. Claudia Rankines Citizen, jüngst auf Deutsch erschienen, wird hier vervielfacht: sechs Stimmen sitzen an einem Tischoval, eine Stimme im Off. Claudia Rankines eklektische Sammlung verstreuter Szenerien (wie der obigen) aus der Perspektive einer schwarzen US-Amerikanerin lösen sich so vom persönlichen Blick, bekommen eine universelle Geste. Das mögliche Sprechen, das bei Rankine in so vielfältiger Form ausprobiert wird – was ist dieses Buch? Literarischer Text, Dokumentation, biografische Notiz, von all dem alles – leiht sich hier die Stimmen junger Schreibender des DLL. Rankine spricht auch, über mehrere Videoclips, die mit ihrer Stimme unterlegt sind. Und alle sprechen vom Du. Das Du ist der Mittelpunkt dieser Szenen, das Angesprochen-Sein macht uns hier, in diesem Keller, macht uns in diesem Text und macht uns in dieser Welt zu verletzlichen Wesen. Rankine greift dabei auf Judith Butler zurück und macht es so explizit: Dass nämlich die Möglichkeit und Notwendigkeit poetischen Sprechens in diesem An-Spruch von Außen entsteht.

Zum Schluss erscheinen an der Leinwand unscharfe Fußballaufnahmen in Slow-Motion, das Endspiel Frankreich-Italien bei der WM 2006 und Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi. Die Tonspur zitiert Fanon, Blanchot und Shakespeare, nicht nur die, und auch immer wieder die Übersetzung der offiziellen Lippenleser bei der WM.

Claudia Rankines Citizen verhandelt die Bedingungen von Sprechen und Handlung und ihre Überlagerungen. Das Buch ist 2014 in den USA erschienen und dort inzwischen zu einer Art literarischem Grundlagentext zum Thema Rassismus geworden. Dass sich das Lesungsformat der „shared reading“ hier in der GfZK so gut an das Textformat anlehnt, fällt kaum auf, weil es so plausibel ist und eben den Dialog weiterführt, der im Text angelegt ist.

Räumlich geht es eine Etage drüber mit Garth Greenwells Roman Was zu dir gehört weiter. Der Text wendet sich sogleich an die unterirdischen Orte, die öffentlichen Toiletten in Sofia, wo ein zugezogener Amerikaner den jungen Mitko zum ersten Mal trifft. Er geht da nicht einfach so hin, niemand geht dort einfach so hin. Es ist ein verabscheuter, schmutziger Ort – und einer, der aufgrund seiner Möglichkeit zur Grenzüberschreitung zum begehrten Ort wird: Hier spielen fremde Sprachen, Klassen, Kulturen und Nationalitäten keine Rolle oder nur insofern das Begehren die Grenzen spielerisch zu passieren vermag.

Auch die poetische Sprache ist in der exklusiven Situation, die Spielwiese der Begegnungen zu erweitern. Im Gespräch mit Kathrin Jira spricht Greenwell von seiner Notwendigkeit, die Sprache aus einer emotionalen Intensität entstehen zu lassen und weniger aus dem expliziten Wunsch, die Literatur zum bewussten Mitspieler im politischen Handlungsfeld zu machen: „I wanted to make something, that is beautiful.“ Die Sprache der Politik ist an eine bestimmte Funktionalität, an Deutlichkeit und Sicherheit gebunden, der das poetische Sprechen durch seine Möglichkeit der Perspektivierung und Metapher in ein Feld der sprachlichen Spielarten einen neuen Raum anbietet.

Nach dieser klassischen Lesung mit Autorgespräch folgt noch ein bisschen Avantgarde. Dazu geht’s in den Neubau der GfZK, in die Black Box, wo Bryana Fritz in einer Performance live Sachen mit dem mac ausprobiert. Sehr langsam bewegt sich die Maus über die Schreibtischoberfläche, auf der sehr viele Ordner mit dem Titel BLUE platziert sind. Die Maus markiert eine Auswahl der Ordner, die Maus öffnet einzelne Ordner, die Maus klickt in das Namensfeld der Ordner und benennt diese um, die Maus platziert die Ordner an neuer Stelle. Dann öffnet die Maus verschiedene Textfenster, klickt auf eine Tonspur, es gibt Musik, es gibt auch Stroboskop. Der Schreibtischhintergrund wird von einer Landschaftsaufnahme zur schwarzen Fläche geändert und einmal der Beleuchtungshintergrund von sehr sehr hell zu sehr sehr dunkel geklickt.

War diese Maus die poetische Handlungsfähigkeit im Netz?

Jedenfalls gibt es danach noch Party.

If you see something, write something.

Be honest an try your language or whatever is next to your body.

So oder so ähnlich.

 

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Claudia Rankine: Citizen
Hg. von Jörn Dege und Mathias Zeiske
Übersetzung: Uda Strätling
Spector Books 2018
182 Seiten, 14 Euro

Garth Greenwell: Was zu dir gehört
Übersetzt von Daniel Schreiber
Hanser 2018
240 Seiten, 22 Euro

 

 

 

 

 

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