Leseprobe:
#
Umzüge zwingen zur Nachschau. Räumungen und Ausräumungen befördern längst Vergessenes beziehungsweise für später Aufgehobenes, nie Angepacktes und nie Ausgepacktes zutage. Objekte, Reste jahrzehntelangen Wohnens, die wie angesammelte Reliquien aus Lebensabfall in den Räumen verteilt herumliegen, werfen plötzlich Worte, Erinnerungen und Geschichten nach Dingen auf. Ein unabsichtlich angelegtes, ständig wachsendes Museum aus Tragödien und Glücksmomenten, Erfundenem, Gewünschtem und Verwünschtem wird entrümpelt. Die Hebungen und Erhebungen gestalten sich schwieriger als erwartet, manche Orte sind schwer zugänglich, die Objekte sperrig wie die sie ausfüllenden Tragödien, die sich gleichsam in mir eingenistet beziehungsweise eingemistet haben und die sich nur ungern ausmisten lassen. Mir graut vor dem Gedanken, die Wandverbaue in Vor- und Wohnzimmer demontieren zu müssen. Das ist aber wegen der Spurenverwischung und -zerstörung zwingend notwendig. Die Terminierung muss dennoch eingehalten werden. Die Beamten der Magistratsabteilung Soziales Wohnen kennen bei der Wohnungsabnahme keine Gnade, Sentimentalitäten sind ihnen fremd. Nicht die Nerven verlieren! Kleine Ziele setzen! Step by step, sagt man, nicht wahr? Erst mal was essen. Wieder zu Kräften kommen. Das Vorletzte, das die Wohnung verlassen wird, ist der Herd. Für die besenrein zurückzugebende Wohnung sind in der Küche nur vorgesehen: eine schmucklose Abwasch und ein Tischelektroherd mit zwei Heizplatten. Aus diesem Grund muss ich die schöne Nussholzküche, die mir der Vater beim Einzug eingebaut gehabt, und die ihm wiederum eine mir nicht bekannte Urstrumpftante, nennen wir sie von mir aus Hedwig, aus dem schönen Baden- Württembergischen Baden-Baden nach ihrem Tod vermacht hat, und deren Herzstück der Bewusst-Robust-Gorenje-Standherd ist, schweren Herzens herausreißen. Die Kästen wird mein zukünftiger Exnachbar, nach eigener Aussage Badewaschl, also Bademeister, im städtischen Thermalbad, abholen und seinem sowohl von seiner Frau als auch von seinem Arbeitgeber hinausgeschmissenen küchenlosen Bruder vermachen. Die Stehkästen und -Schränke wurden von mir zum leichteren Abtransport bereits in die Zimmermitte zusammengerückt. Ich setzte mich an den Küchentisch. Beim Anblick der wie ein Mumienfingernagel eingerollten und mit Spinnweben umsponnenen Leberkäsrinde lief mir bei dem dadurch aufgeflogenen Gedanken an einen heißen Leberkäse das Wasser im Mund zusammen, trocknete bei der Abschweifung des Gedankens auf eine längst verschüttete Tragödie aber umgehend wieder aus.
(S. 28-30)
© 2016 Picus Verlag, Wien