Leseprobe (S. 130-131):
Wie würde ihre Wohnung ausschauen? Seidentücher und orientalische Vorhänge mit irgendwelchen Perlen dran? Tausend und eine Nacht! Ornamente und Wasserpfeifen. Gewürze wahrscheinlich und eine offene Feuerstelle mit den Resten von einem Lamm. Und Polster. Polster, Polster, ganz viele Polster.
„Da geht’s runter.“ Sie hat den Keller aufgeschlossen und hinter uns ist gleichzeitig eine Tür aufgegangen, so dass ich schon geglaubt habe, das ist ein geheimer Mechanismus, dass man unten aufsperrt und oben öffnet sich was.
Ein Kopf ist über uns im Türspalt erschienen, ein kleines älteres Männchen mit einer sehr dichten, hohen Frisur und einer Stimme wie von einem Frosch, wenn ein Frosch reden könnte.
„Ayse!“ hat das Männchen genäselt. „Bist du das?“
„Ja, ja, Werner, alles gut! Schau, das ist der Wolferl, der ist ein Freund.“
„Ich war einmal Bundeskanzler!“, hat der Werner behauptet.
„Ja, ja, schon gut“, hat die Ayse gesagt.
„Ich war der letzte Sozialist, den Österreich gehabt hat.“
„Das stimmt schon gar nicht“, hat mir die Ayse zugeflüstert. „Der Werner ist hier der Hausmeister, aber er wäre halt immer gerne ein Großer gewesen. Jedenfalls ist er ein Lieber, der Werner. Der lässt mich hier wohnen.“
„Hallo, Werner!“, habe ich ihn begrüßt.
„Mein Bild war früher überall in der Zeitung!“ Der Werner war ganz stolz.
„Schon gut, Werner. Geh jetzt schlafen. Dürfen wir dann eh noch duschen kommen?“
„Ja, ja“, hat der Werner gesagt, und: „Gute Nacht!“ Dann war seine Tür auch schon wieder zu.
Duschen?
Da hatte ich noch nicht kapiert, dass sie im Keller gar keine Wohnung gehabt hat. Sie hat in einem Abteil gewohnt, das noch nicht einmal eine ordentliche Tür hatte. Es war eine dieser Kellertüren mit Streben wie bei einer Gefängnistür, nur aus einem ganz leichten Holz, das man locker mit einem Fingernagel eindrücken kann.
Im Abteil ist eine Matratze gelegen, es gab einen kleinen Tisch, ein altes Bücherregal an der Wand und einen elektrischen Heizstrahler. Den meisten Raum hat aber ihr Bastelmaterial eingenommen. Überall waren Stoffreste, Scheren und kleine Pölsterchen mit Nadeln verstreut. Hier hat sie ihre behinderten Tiere gebastelt. Auf dem Tisch ist ein halbfertiger Fuchs gelegen, der hoffentlich ein Eichkätzchen war, so verkrümmt, wie er ausgesehen hat.
„Wenn du aufs Klo musst, müssen wir hinauf zum Werner. Hier unten gibt es kein Wasser.“
Sie hat meinen Blick richtig gedeutet und war gleich wieder beleidigt.
„Versuch halt einmal, mit einem Namen wie ‚Ayse’ in Österreich eine Wohnung zu kriegen!“
Wenn die Stimmung sowieso gerade wieder am Nullpunkt angelangt war, konnte ich doch eigentlich gleich auch das zweite fragen, was mich beschäftigt hat. Aber auch das hat sie erraten.
„Und nein, der Werner schaut mir nicht beim Duschen zu.“ Wow. Sie hat wirklich meine Gedanken lesen können. Vielleicht sollte ich mich bemühen, romantischere Sachen zu denken.
„Also, vielleicht würd er sowas ja sogar wollen. Aber der Werner ist viel zu feig.“
Sie war jetzt wieder ganz friedlich, die Ayse. Dass der Werner so feig war, das schien sie irgendwie zu beruhigen. Sie hat sich auf die Matratze gesetzt und auf eine Stelle neben sich geklopft.
„Sessel habe ich keinen. Ich hoffe, das ist okay.“ Ohja, bistdudeppert, und ob es das war!
© Salzburg: Residenz Verlag 2016