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Waltraud Mittich: Grandhotel.

Erzählung.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus 2008.
164 S.; geb.; Eur 17,90.
ISBN 3-7082-3249-2.

Link zur Leseprobe

Eine morbide, frivole, eine lustvolle und sehnsüchtige Reise zu Häusern der "Sehnsucht, am äußersten Ende Europas gelegen" (S. 31) unternimmt Waltraud Mittich mit dieser Erzählung. In acht Etappen ließe sich diese Erzählreise einteilen, jeweils zentriert um ein Grandhotel und seine Geschichte(n), wiedergegeben und niedergeschrieben von der weiblichen Ich-Erzählerin "Moia, eigentlich heißt sie Marie", die uneinsichtig ist und "weiter vom Gleichen" berichtet, "Geschichten aus vergangenen Zeiten" schreibt (S. 5). Auf eigenartige Weise verwoben sind manche dieser Geschichten, Figuren und Motive entwickeln sich in Wiederholungen, Fortsetzungen, in Rückblenden, in Déjà vus, sie verblassen, verschwinden spurlos, stellen sich als Wahnvorstellungen heraus, als "Erinnerungstäuschungen" (S. 147). Moia sammelt diese Geschichten, die sie aus Tagebüchern, aus Zeitungsartikeln oder aus persönlichen Gesprächen erfährt, sie erzählt von Liebschaften, Dramen, Einsamkeiten und Begegnungen. Auch sie, Moia selbst, ist Teil dieser Geschichten – Geliebte, Liebende, Reisende.

Die Grandhotels sind als melancholische Orte der Durchreise, des Ankommens und Abfahrens inszeniert. Sie sind Zwischenräume, die weder klärendes Rückblicken noch zukunftsweisendes Vorwärtsschauen erlauben. Es sind Räume der Dekadenz und Lust, nur noch Abglanz des einstigen Prunks aus der k.u.k. Monarchie, heute vom Massentourismus verkitscht oder dem Verfall anheim fallend. In diesen Sehnsuchtshotels bewegen sich Schattengestalten, Randexistenzen, Figuren aus einer angeblich herrlichen Vergangenheit, falsche Prinzen und eingebildete Prinzessinnen, und vor allem einsame Frauen, deren Leben von Liebe, Lust, Treue, Verrat, Verlust aber auch von (verhinderter?) Emanzipation, Rebellion, Selbstfindung geprägt sind. Im sizilianischen Palermo begegnet die Erzählerin etwa der Architektin Adriana, die im Grande Albergo e delle Palme absteigt, sich der Lust am Verfall hingibt und schlussendlich verschollen ist. Im Grandhotel Misurina unterhält sich die Erzählerin mit (Jo)Hanna D., die – von ihrem Mann verlassen – sich zunächst in demütigende Sexspielchen mit einem Fremden begibt und dann "online gegen die Einsamkeit" (S. 65) ihre Selbstachtung aufgibt, auch "materiell bankrott" (S. 66).

Man begegnet auch einem heutigen Fräulein Else, das mit seinen Psychosen und Depressionen ins Grandhotel Kvarner nach Kroatien auf "Winterstation" geschickt wird. Eine von Wikipedia-Wissen und Alltgspsychologie gesteuerte Hysterikerin (oder doch Prinzessin?) monologisiert hier, wehrt sich gegen die aufgezwungene (und männliche) Fremddiagnose: "Dass mir manchmal die Stimme abhanden kommt, ist wahr, hysterisch soll ich deshalb sein, Ausfall der Sinnesorgane, manche werden plötzlich blind und taub, steht alles in Wikipedia, hysterisch sind noch immer Frauen wie zu Zeiten des guten Sigmund, was hat sich denn geändert?"

Eine düstere, lüsterne und lustvolle Erzählung von Vergänglichkeit und Tod, Lust und Dekadenz entwirft Mittich – nicht unpassenderweise zitiert der Umschlagtext Fellini herbei, und Bezugsgrößen wie Thomas Manns "Tod in Venedig" oder Schnitzlers "Fräulein Else" wirken keineswegs gekünstelt eingeflochten. Gerade das Else-Kapitel fügt der Erzählung satirische Qualitäten hinzu und glänzt durch Kulturkritik, feministische Ironie und vielschichtige intertextuelle Rückkoppelung mit Schnitzlers Original.

Nicht zuletzt aber ist Mittichs Erzählung auch eine über Europa, über das westliche und östliche, das alte und neue, über ein Europa also, das von verfallenden Grandhotels übersät ist, von Erinnerungsbauten, die ihre eigene und die Geschichte ihrer Länder und Menschen über Jahrhunderte aufsaugten. Dass diese Geschichte auch eine der Fremdheit, der Kolonialisierung, der Einsamkeit und des Verlustes war, spiegelt jede der auf das Parkett der Grandhotels gebrachten Erzählungen wider. Entwurzeltsein, Globalisierung und Heimatlosigkeit, diese Motive tauchen in Variationen immer wieder auf. Als vielleicht erste Generation von "wirklich Heimatlosen" werden etwa die beamteten Landvermesser der Monarchie bezeichnet, "an die äußersten Grenzlinien Verschlagene, Zugezogene" (S. 95). Im Gespräch mit dem ukrainischen Zimmermädchen (Nennen wir sie die Fremde.) (S. 33) fallen klare Worte zur ewigen Heimatlosigkeit, für sie "gibt [es] kein Glück in der Fremde" (S. 52). "...aber für euch ist der Osten so fern, ihr haltet euch für die Mitte, für das Zentrum. Aber ihr wart es nie, die Mitte lag immer ostwärts", sagt diese Ukrainerin zu Moia. (S. 51). Dieses ostwärts, ein unklar definierter Osten ist es, der den ahnungslosen "überalterten Bewohnern des alten Europa zu Beginn des 3. Jahrtausends" (S. 160) aus dieser apokalyptischen Gegenwart heraus eine Art Neuanfang verspricht. So endet die Erzählung vieldeutig: "nichts mehr gäbe es zu schreiben darüber, weil endlich die Sprachlosigkeit sich einstellte über all den vergangenen Glanz, die Gloria, die Schönheit, weil sie endlich hinüber wären, aufgebraucht und das Neue beginnen könnte, das viel weiter östlich liegt ." (S. 160)

 

Elena Messner
19. August 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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