Imre Kertész: Detektivgeschichte (Erzählung) |
Imre Kertész: Detektivgeschichte |
Inhaltsangabe:Nach dem Sturz eines Willkürregimes in irgendeinem lateinamerikanischen Land wird zwar nach Major Diaz, dem ehemaligen Chef der Geheimpolizei ("Corps"), vergeblich gefahndet, aber der unbedarfte Ermittlungsbeamte Antonio Rojaz Martens muss sich vor den neuen Richtern verantworten, die sich gern "Volksrichter" nennen. In der Gefängniszelle bittet er seinen Pflichtverteidiger, ihm die Möglichkeit zu verschaffen, schriftlich Rechenschaft abzulegen. Der Anwalt kommt dem Wunsch des Angeklagten nach und veröffentlicht später dessen Bericht, der folgendermaßen beginnt: Ich will eine Geschichte erzählen. Eine einfache Geschichte. Sie können sie auch ungeheuerlich nennen. Doch das ändert nichts an ihrer Einfachheit. Ich möchte also eine einfache und ungeheuerliche Geschichte erzählen. (Seite 13) Als das sog. Corps zusätzliche Mitarbeiter anforderte, wurde der Kriminalbeamte Antonio Rojaz Martens von seinem Chef empfohlen. Beim Corps könne er sich profilieren, hieß es.
Ich absolvierte den Lehrgang, und man wusch mir das Gehirn. Aber nicht genug, bei weitem nicht genug. Es blieb noch eine Menge drin, viel mehr, als ich gebrauchen konnte – doch sie hatten es eben verdammt eilig. Damals war alles eilig. Es hieß, Ordnung zu schaffen, die Konsolidierung voranzubringen, das Vaterland zu retten, den Widerstand zu liquidieren – und es sah aus, als läge das alles auf unseren Schultern. (Seite 15) Rodriguez, Martens' unmittelbarer Vorgesetzter, hasste alle Andersdenkenden und hielt sie ausnahmslos für Juden. Als Martens ihm entgegenhielt, dass es im ganzen Land nur ein paar hundert, allenfalls tausend Juden gebe, erwiderte er: "Das ist mir egal. Wer etwas anderes will, der ist Jude. Warum sollte er sonst etwas anderes wollen?!" (Seite 20) Auf Rodriguez' Schreibtisch tauchte eines Tages das zehn, fünfzehn Zentimeter große Modell einer sog. Boger-Schaukel auf, die er dann für die Verhöre im "Atelier" aufstellen ließ: An der von zwei Gestellen gehaltenen waagrechten Stange konnte man einen Menschen mit dem Kopf nach unten zwischen seinen angewinkelten Knien und den hinter den Knien gefesselten Handgelenken aufhängen. Man muss an etwas glauben, um so hundsgemein zu sein. (Seite 23f)
Martens berichtet über den Fall Salinas. Federigo Salinas war etwa fünfzig Jahre alt und der Eigentümer einer im ganzen Land bekannten Kaufhauskette. Er und seine zwei Jahre jüngere Frau Maria hatten einen zweiundzwanzigjährigen Sohn namens Enrique, der damals studierte. Was geschah, weiß Martens aus verschiedenen Verhören und vor allem auch aus Enriques Tagebuch, das er sich aneignete. "Aber eine Fantasterei, aus der jeden Moment blutige Wirklichkeit werden kann." (Seite 84) Er konnte sich nur zwei Gründe vorstellen, warum jemand gegen die Macht kämpfen sollte: Entweder um selbst an die Macht zu kommen, oder weil die Machthaber sein Leben bedrohten. Nichts davon traf auf seinen Sohn zu. Warum also wollte dieser sich in Gefahr begeben? Enrique versuchte es ihm zu erklären:
"Wie ich diese heimtückischen Blicke um mich herum hasse, diese Menschen, die heute feiern, was sie gestern noch verachtet haben. Ich hasse das Erdulden, die Habgier, das Versteckspielen, das ewige Who-is-who-Spiel, die Privilegien und die Duckmäuser ..." (Seite 90)
Als der Vater begriff, dass er seinen Sohn nicht umstimmen konnte, tat er so, als habe er nur Enriques Ernsthaftigkeit prüfen wollen und deutete an, selbst Mitglied einer geheimen Widerstandsgruppe zu sein.
Wir mussten also bei dem anpacken, was uns zur Hand war. Und Enrique war gerade zur Hand. Wir erkannten ihn auf einem Foto [von der Versammlung an der Blauen Küste], unter denen, die nicht zur Hand waren. Wie war er auf das Foto gekommen? Gehörte er zu ihnen? Wenn ja, warum war dann nicht auch er untergetaucht? Hatten sie ihn etwa als Köder dagelassen? Oder hatte er einen Auftrag? Wieso hatten sie dann zugelassen, dass er auf das Bild kam? Oder hatte er überhaupt nichts mit ihnen zu tun und war nur zufällig darauf geraten?
Enrique wurde also beschattet. Und siehe da, die Agenten filmten ihn bei zwei konspirativen Treffen mit dem Handelsvertreter Manuel Figueras, der bei Salinas angestellt war. Ihm steckte Enrique jedes Mal heimlich einen Umschlug zu. Das Corps nahm Figueras fest. Er kenne weder den Inhalt der Umschläge, beteuerte er, noch wisse er, woher Enrique Salinas sie bekommen hatte. Er habe sie jedenfalls an Federigo Salinas weitergegeben und sich über das Vertrauen des Firmenchefs und die Extravergütung gefreut. Vielleicht seien es vertrauliche Börseninformationen von einem Insider gewesen. – Martens fragte sich, wieso Enrique die Umschläge nicht unmittelbar seinem Vater übergeben hatte. Das konnte nur bedeuten, dass der Unternehmer aus dem Hintergrund die Drähte zog und nicht einmal seinen Sohn eingeweiht hatte. Diaz verneigte sich wie ein ausgedienter Tanzlehrer. (Seite 117) Nach einigen Floskeln sagte Federigo Salinas, er mache sich Sorgen um seinen vermissten Sohn, zumal am Vortag einer seiner Angestellten ebenso spurlos verschwunden sei. Als er vorsichtig fragte, ob Enrique vom Corps festgehalten werde, stellte Major Diaz klar, dass er hier die Fragen stellte. Unvermittelt setzte Diaz sich vor dem Unternehmer auf die Kante seines Schreibtisches; Rodriguez stellte sich neben Salinas, und Martens postierte sich hinter den besorgten Vater. Der schwieg bei dem folgenden Verhör ebenso wie es sein Sohn getan hatte. Erst als Enrique hereingeschleift wurde – gehen konnte er nicht mehr –, knickte er ein.
Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
"Von wem erhielt Enrique den Umschlag?" Aus Furcht, sein idealistischer Sohn könne sich einer studentischen Widerstandsgruppe anschließen und in Schwierigkeiten kommen, gaukelte Federigo Salinas ihm vor, er habe ihn in eine Geheimorganisation aufgenommen, die jedoch in Wirklichkeit überhaupt nicht existierte. Weitere Umschläge der gleichen Art – alle einheitlich mit seiner Schreibmaschine beschriftet – hatte Salinas bei Notar Quintieros hinterlegt, um ggf. seine Unschuld beweisen zu können. – Der Notar wurde daraufhin ebenfalls festgenommen. Wie ich schon gesagt habe, ich war noch neu, ich fing damals gerade erst an zu erkennen, wo ich war und worauf ich mich eingelassen hatte. Ich hatte natürlich gewusst, dass beim Corps andere Maßstäbe herrschten, doch geglaubt, dass es immerhin Maßstäbe gab. Nun ja, es gab sie nicht: Seien Sie also nicht erpicht darauf zu erfahren, was sich dort an jenem Abend abgespielt hat. (Seite 126)
Dann passierte das Attentat, welches das Corps eigentlich hatte verhindern sollen. "Mein Corps foltert unschuldige Menschen. Und was sage ich dem Parlament?! Was sage ich der Handelskammer?! Was sage ich der ausländischen Presse?!" (Seite 134)
Er war schon wieder halb aus der Tür, als Diaz ihm nachrief, was denn nun mit den Salinas geschehen sollte. "Stellen Sie die Beweise zusammen", befahl der Oberst. Eineinhalb Stunden später verurteilte ein Sondergericht Federigo und Enrique Salinas wegen erwiesener Geheimbündelei gegen die Sicherheit des Vaterlandes zum Tod, und sie wurden im Hof standrechtlich erschossen. |
Buchbesprechung:
Nachdem Imre Kertész im Frühjahr 1976 das Manuskript seines Romans "Der Spurensucher" abgegeben hatte, verlangte der ungarische Verleger zusätzlichen Text und behauptete, das Buch würde sonst keinen "Korpus" haben. In seiner Not fiel Imre Kertész eine alte, flüchtige Idee ein, und in den zwei Wochen bis zum Abgabetermin schrieb er die "Detektivgeschichte". |
Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen |