Martin Walser: Ein fliehendes Pferd (Novelle) |
Martin Walser: Ein fliehendes Pferd |
Inhaltsangabe:Plötzlich drängte Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß. (Seite 9)
Mit diesem Satz beginnt Martin Walser die Novelle "Ein fliehendes Pferd".
Jedesmal, wenn ihm das Erkannt- und Durchschautwerden in Schule oder Nachbarschaft demonstriert wurde, die Vertrautheit mit Eigenschaften, die er nie zugegeben hatte, dann wollte er fliehen [...] Und je mehr die ihn zu nehmen wussten, desto größer wurde seine Sehnsucht, wieder unerkannt zu sein. Wenn jemand von ihm noch nichts wusste, war noch alles möglich. (Seite 13) Obwohl Helmut erst sechsundvierzig Jahre alt ist, erwartet er nicht mehr viel vom Leben. Er will nur noch in Ruhe lesen und hat auch keine Lust mehr, mit Sabine oder einer anderen Frau zu schlafen. Dass er damit dem Leistungsdenken der Gesellschaft nicht entspricht, weiß er. Vor zwölf Jahren übernachtete er mit Sabine in einem Hotel in Grado. Da hörten sie, wie kraftvoll sich der Mann im Nebenzimmer auf dem Bett bewegte. Er hatte bemerkt, dass Sabine auch nur noch hinüberhorchte. Sie musste, musste, musste ihm das doch vorwerfen, dass er kein solcher Hammer war. Beide lagen und hörten nur noch, was ein Mann leisten kann [...] So muss man sich früher am Pranger gefühlt haben. Wer den Sexualitätsgeboten dieser Zeit und Gesellschaft nicht genügte, war praktisch ununterbrochen am Pranger. (Seite 67) Unvermittelt bleibt ein Paar vor Helmut und Sabine stehen. Klaus Buch hat seinen früheren Schulfreund und Kommilitonen wiedererkannt, obwohl sie seit dreiundzwanzig Jahren nichts mehr voneinander hörten. Als Helmut sich nicht gleich an ihn erinnert, hilft er ihm mit einem Schwall von Anekdoten nach. Und er stellt den Halms seine Ehefrau Helene ("Hel") vor. Das war eine Frau wie eine Trophäe. (Seite 21)
Hel ist achtzehn Jahre jünger als die beiden Männer, aber im Gegensatz zu Helmut sieht Klaus kaum älter aus als sie. Er wirkt dynamisch, sportlich fit und ist braun gebrannt wie seine Frau. Die Buchs haben keine Kinder. Sie besitzen ein Haus am Starnberger See, und seit drei Jahren machen sie in Maurach Urlaub. Von dort sind sie gerade mit den Fahrrädern gekommen. Jeder Gedanke an Gewesenes machte ihn schwer. Er empfand eine Art Ekel, wenn er daran dachte, mit wieviel Vergangenheit er schon angefüllt war. Deckel drauf. Zulassen. Bloß keinen Sauerstoff drankommen lassen, sonst fing das an zu gären. (Seite 27) Einerseits erklärt Klaus, er brauche Überforderung zum Leben. Andererseits behauptet er, möglichst wenig zu arbeiten. Nur Leute, die erotisch nicht völlig da sind, brauchen Arbeit. (Seite 100) Dass Helmut ein Arbeitsmensch geworden sei, will er nicht glauben. Sabine, sagte Helmut, wie siehst du das? Sabine sagte, dass Helmut ununterbrochen arbeite. Allerdings auf eine nicht jedem gleich begreifliche Weise. Er lese eben immerzu. Es sehe aus wie Studieren. Sie halte es aber eher für Leben. Das heißt, es komme nichts heraus dabei. Vielleicht sei das sogar nicht einmal beabsichtigt. (Seite 98)
Am nächsten Morgen nehmen die Buchs die Halms zum Segeln mit. Klaus besteht darauf, dass sie sich alle mit Vornamen anreden. Daraufhin spricht Helmut die Frau seines früheren Schulfreundes gar nicht mehr an. Und er versucht, nicht hinzusehen, als Hel ihr Oberteil ablegt und sich mit nacktem Oberkörper aufs Vorschiff legt. Klaus Buch fluchte auf das Essen. Erstens war ihm die Panierung zu dick, zweitens war das Schweinefleisch, drittens war der Salat ein Matsch. Er tat nichts, um die Bedienung zu schonen. Die stand mit zementfarbenem, schwerem Gesicht unter einem künstlichen Haarturm und schien unglücklich zu sein. Als sie sich, von Vorwürfen beladen, endlich stumm umdrehte und mühsam wegging, sagte Hel leise, dieser Oldtimer-Minirock der Bedienung sei schon sehenswert. Ein ziemlich einmaliger Rundblick eben, sagte Klaus Buch, prustete los, da musste Hel auch wieder. Beide ließen vor Lachen ihre Bestecke auf die Platten fallen. Helmut und Sabine mussten überhaupt nicht lachen. (Seite 85f)
Auf dem Rückweg galoppiert ein durchgegangenes Pferd an ihnen vorbei. Zwei Männer laufen hinterher. Als es stehen bleibt, geht einer von ihnen darauf zu, aber bevor er das Halfter zu fassen kriegt, rast das Pferd wieder los. Da rennt Klaus los. Sobald das fliehende Pferd wieder zum Stehen kommt, geht er nur noch langsam weiter. Er nähert sich dem Tier von der Seite. Schließlich sitzt er auf. Es galoppiert los, aber nach ein paar Minuten kommt Klaus zurückgeritten. Also, wenn ich mich in etwas hineindenken kann, dann ist es ein fliehendes Pferd [...] Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden. (Seite 92f)
Weil Hel am nächsten Tag in den umliegenden Dörfern Interviews mit Greisinnen führen will, beabsichtigt Klaus, ohne sie zu segeln, und als Sabine vorgibt, einen Friseurtermin zu haben, verabreden sich nur die beiden Männer. Du musst gerettet werden. Du brauchst mich, Helmut, das spür' ich. Deshalb meine Frage, wie oft bumst du Sabine. Ich will dich doch nicht beschämen, Mensch. Ich will nicht den tollen body spielen. Mensch, Helmut, meine erste Frau habe ich am Schluss noch einmal pro Woche gebumst. Sowas von herunter war ich. Waren wir. Also bitte. Mit mir kannst du reden. Wenn du willst. Ich finde einfach, wir sollten, bevor wir fünfzig sind, noch einmal vom Stapel laufen. (Seite 114) Klaus versucht, Helmut zu überreden, seinen Job aufzugeben und mit ihm und Hel auf den Bahamas ein neues Leben anzufangen. Mensch, Helmut, lass es uns groß spielen. Nicht klein beigeben. Groß bleiben. Größer werden. Der Größte. Wir zwei sind die Größten, ich schwör's dir. Uns will das Leben. Ich hol dich heraus aus deiner Flaute, Junge. Dich richte ich wieder her. Du wirst sehen, in einem Jahr kennst du dich nicht wieder. Du bist kurz vorm Versacken. Ich schau da nicht zu. (Seite 116f) Während Klaus auf Helmut einredet, zieht ein Sturm auf. Helmut meint, sie sollten so rasch wie möglich ans Ufer zurückkehren, aber Klaus schreit vor Begeisterung. Plötzlich stößt ihm Helmut die Pinne aus der Hand, und Klaus stürzt rückwärts in die Wellen. Das Großsegel und das Vorsegel reißen sich los und flattern im Wind. Helmut kann nur hoffen, dass die Jolle nicht kentert. Klaus müsste sich retten können. Ein solcher Sportler. Sollten sie je kentern, hatte Klaus doziert, müsse man sich von den Wellen tragen lassen. Nie versuchen, ein näher liegendes Ufer gegen die Wellen zu erreichen. Es sei überhaupt kein Problem MIT den Wellen 5 Kilometer zu schwimmen, aber unmöglich, gegen sie 500 Meter. Überhaupt kein Problem. Also bitte. Idiot. (Seite 125) Als der Kiel im Uferkies knirscht, springt Helmut heraus, watet an Land und geht auf das nächste Licht zu. Die Bewohner des Hauses rufen sofort einen Krankenwagen und alarmieren die Wasserschutzpolizei.
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Man muss davon ausgehen, dass Klaus ertrunken ist. Die Zeitung meldet am nächsten Morgen, dass bei dem Unwetter drei Menschen auf dem Bodensee ums Leben gekommen seien. (Sabine stellt fest, dass Klaus sich mit C schreibt.) Er hat nicht viel gehabt von seinem Leben, sagte sie. Es war nichts als Schinderei. (Seite 141) Den Urlaub hätten sie sich eigentlich gar nicht leisten können. Bei dem Haus am Starnberger See handelt es sich um eine von Klaus billig erworbene und selbst umgebaute frühere Hühnerfarm. Er habe sich ständig beweisen wollen, dass er kein Versager war. Was er nicht schaffte, sollte Hel erreichen, doch wenn sie für ihre Leistungen gelobt wurde, war es ihm auch nicht recht. Als sie sich vor sechs Jahren kennenlernten, studierte sie Musik, aber er redete ihr ein, dass ihr Talent nicht für eine Karriere als Pianistin reichte und brachte sie dazu, ihr Klavier zu verkaufen. Er war auf dem falschen Dampfer. Und mich hat er auch auf diesen falschen Dampfer gezwungen. Darum weiß ich, wie das ist, auf dem falschen Dampfer zu sein. Das ist die Hölle. Durch einen saublöden Zufall ist er in diesen Scheißjournalismus hineingekommen. Dann auch noch in dieses Umweltzeugs. Dann hat er geglaubt, er muss das alles ernst nehmen, weil wir jetzt davon leben. (Seite 143)
Während Hel mit den Fingern in der Luft die "Wanderer-Fantasie" von Franz Schubert spielt und singt, taucht unvermittelt Klaus auf. Ohne groß auf ihn zu achten, raucht Hel weiter und trinkt Calvados. Er sagt nur: "Komm jetzt." Klaus und Helmut vermeiden es, sich anzusehen. Begreifst du, was er hat, fragte Sabine. Helmut reagierte nicht auf diese Frage. Helmut, was hat er, fragte Sabine. Er hat doch was. Statt, dass es jetzt eine Feier gibt, kommt er ... wie der Jüngste Tag persönlich. Begreifst du das? (Seite 152)
Sie will mit ihrem Mann einen Waldlauf oder eine Radtour machen, aber Helmut zieht den Trainingsanzug aus und schlägt vor, die Räder den Zürns zu schenken. Während er zu packen anfängt, fordert er Sabine auf, den Zürns zu sagen, sie müssten wegen besonderer Umstände vorzeitig abreisen. Sie soll für die vollen vier Wochen bezahlen und ein Taxi rufen. Plötzlich drängte Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß. (Seite 156) |
Buchbesprechung:
Die Novelle "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser ist Gesellschaftsanalyse und Psychogramm zugleich. Es geht um Identitätskrisen und Lebenslügen, die vom Leistungsdruck der Gesellschaft verursacht werden. Während sich Helmut Halm dem Leistungsdruck in seinem Privatleben seit der Midlife Crisis entzieht und sich in seiner Lethargie bequem eingerichtet hat, mimt Klaus Buch den sportlichen, sexuell aktiven und erfolgreichen Macher. Helmut erlebt Klaus als Bedrohung, weil dieser das Leitbild der Gesellschaft verkörpert, ihn entlarven könnte und seine Frau Sabine sich von dem Blender angezogen fühlt. Erst am Schluss lässt Hel die Fassade ihres Mannes einstürzen. Eine einzige unter den vier Figuren – Sabine – ist so selbstbewusst, dass sie nicht auf den Schein angewiesen ist, sondern unverfälscht bleibt.
Die Novelle ist ein Glanzstück Walser'scher Prosa. In einer knappen, unübertroffen genauen Sprache wird der Alltag alternder (männlicher) Intellektueller dargestellt. (Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Dortmund 1989, Band 2, Seite 965)
Dr. Gottlieb Zürn taucht wieder auf als Hauptfigur des 1980 von Martin Walser veröffentlichten Romans "Das Schwanenhaus". Helmut und Sabine Halm sind auch die Protagonisten des Romans "Brandung" aus dem Jahr 1985. Die Novelle "Ein fliehendes Pferd" wurde 1985 von Peter Beauvais und 2007 von Rainer Kaufmann verfilmt.
Originaltitel: Ein fliehendes Pferd – Regie: Peter Beauvais – Drehbuch: Peter Beauvais, Ulrich Plenzdorf, nach der Novelle "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser – Kamera: Gernot Roll – Schnitt: Liesgret Schmitt-Klink – Darsteller: Vadim Glowna, Marita Marschall, Joachim Dietmar Mues, Rosel Zech u.a. – 1985; 75 Minuten Sekundärliteratur über "Ein fliehendes Pferd":
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Rainer Kaufmann: Ein fliehendes Pferd |