Nach und
nach werden mir Dinge einfallen, über die ich in
meinem Gedächtnis lange nicht mehr verfügen konnte,
und Dinge, die ich gar nicht erlebt habe und trotzdem zu
den Tatsachen meines Lebens zähle. Getreulich werde
ich bei meinen Erinnerungen bleiben, um mir die Kindheit,
die mich bis ins Alter begleiten soll, zu erfinden.
(Karl-Markus Gauß, Ruhm am Nachmittag)
Time
to put it all on paper: Wer ich bin, wo ich herkommme, warum ich hab, was
ich hab (Vorgeschichte, Ideen, Ideale, Familie, Freunde, Fragezeichen,
Kreuzer), warum ich will, was ich will – und wer daran schuld ist, dass ich
zwar tun kann, was ich will, aber nicht wollen kann, was ich will. Klammer
zu. Stimmt, das ist gar nicht von mir, das war der Denker. Ich denke nicht,
ich tue, wie mir geheißen. Ich ging den Weg entlang, der einsam lag ...
Stimmt schon wieder, das ist auch nicht von mir, das war der Dichter.
Dichter machen Gedichte, sie gehen nicht – so wie ich – ins kanadische
Dickicht.
Nebenbei: Der ruhmvolle
Mann, den ich in meinem erbaulichen Motto zitiere, ist einer der nettesten
Menschen weltweit, obwohl er Österreicher ist (das letzte Mal hab ich ihn de
facto zu Hause überfallen, und er hat mir trotzdem die Tür aufgemacht – oder
vielleicht konnte er sich einfach nicht schnell genug verbarrikadieren, ich
werde es wohl nie so genau wissen). War selber mal Österreicher ... Moment,
warum wollen Sie das im Präteritum haben? Berichtigung: Bin Österreicher.
Once an Austrian, always an Austrian. Weg sein bedeutet in meinem Falle da
sein. Fliege nur mit Austrian Airlines. Sag nicht Kaffee, sondern Café –
auch zum Getränk. Spaziere auf dem Trottoir, esse Paradeiser, bin noch
französischer als der Kaiser ... Aber der Kaiser ist ja gar nicht
französisch, er tut nur so, weil er meint, das sei schick. Die Queen spricht
kaa französisch, die meint nämlich, das sei net schick. And that’s just not
something you would do in the Commonwealth. Rührend. Diese Welt schmerzt.
Und ist dabei doch die bestmögliche. Freilich: Hinter dem Ozean eine andere
Welt! Auswandern. Identitätswechsel. Robbe töten. Kanadier werden, von Fort
zu Fort laufen, bei Second Cup einkehren. Noch einen, bitte! Jetzt bin ich
hier, wollte sagen da: drüben. Over there! Da drüben.
Ein
Ahorn, ein Wasserfall, ein Eisbär, ein CN-Turm, ein Chicken Burger, ein
Kleinmünchener nicht-bajuwarischen Schlages: What is there more to say? Dass
ich Kanadier bin, darf ich in meiner eigenen Sprache sagen. Möglicherweise
kann ich aber meine eigene Sprache gar nicht mehr (cause that was way back,
in the old country), möglicherweise kann ich kein Englisch und auch kein
Französisch – oder jedenfalls kein gutes. Halb so schlimm, im
zweisprachichen Land der Großen Seen geht man nicht unter – soweit das Kanu
dicht hält, was wir auch hoffen wollen. Mit Seemannskost und Rum (einen
tüchtigen Schluck schon früh am Morgen, und dann erst recht am Nachmittag)
haben es sich unsere Vorfahren gut gehen lassen, als sie hierhergefahren
sind. Sozusagen vorgefahren sind. Also dann: ein Land zum Bleiben? Oder ein
Land zum Verweilen. True patriot love, das braucht der Mensch, und ein
vielgeliebtes Kaiserreich. Dann sagt der Kaiser: Es reicht!
Comment ça va? Comme ci, comme ci, comme ci, comme ça . .
. Ich war zwar öfters in der schönen Provinz, habe aber (in den letzten
vierzehn Jahren, genauer gesagt in meiner Kanada-Zeit) nie dort, sondern
stets nur in Toronto gewohnt. Warum soll also gerade ich die Autobiographie
der Hauptstadt der Provinz Québec schreiben, wo ich doch nicht einmal meine
eigene Autobiographie schreiben kann? Und: Soll ich einen wahrheitsgetreuen
Bericht erstatten oder lieber was erfinden? Die Stadt selbst kann jedenfalls
nicht über sich schreiben, das muss schon einer machen, der, so wie ich,
irgendwie weit ausholend empfindet: Ich bin ein Teil von jener Stadt.
Tell
a simple story, weiß der Leumund in den Prärien zu sagen. An den Lagerfeuern
lauschen die Trapper. Rechtschreibreform. Deppenapostroph.
Geschichtsschreibung, Geschichtenschreiben. Lebenslauf. Ein Leben lang
laufen.
W
o darf ich anfangen? Ach ja, natürlich, mit meiner
Kindheit! Delawaren und Irokesen, Fallensteller und Rothäute. Aufgehende
Sonne und untergehendes Geschlecht. Amerika, du hast es besser als unser
alter Kontinent (auch das hat ursprünglich ein anderer gesagt, doch jetzt
gehört der Satz mir: Made in Canada). So beginnt meine Geschichte.
Vieux Québec: der schönste Ort in Kanada – oder doch
jedenfalls das schönste städtische Vorzeigestück im Land der Großen Seen,
das bis zur Ankunft des weißen Bruders und darüber hinweg ein Land der
Wasserwege war. Spaziert man die breit angelegte Terasse Dufferin entlang
(nach Lord Dufferin, dem dritten Generalgouverneur von British North America
und Vizekönig von Indien, benannt), so reicht der Blick, so greift der Blick
weit über den St.-Lorenz-Strom hinweg, bis ans rechte Ufer, wo sich die
Region Chaudière-Appalaches befindet, eine der 17 offiziellen Regionen der
Provinz Québec, und weiter bis nach Île d'Orléans, der Insel, nach der sich
der St. Lorenz wie ein Trichter ausweitet und zunehmend salzig schmeckt,
bevor er sich dann Hunderte Kilometer später in den Atlantischen Ozean
ergießt, in den Ozean, zu dem seine Wasser, die Wasser der Großen Seen, doch
schon längst geworden sind. Talk about a mix.
Nicht
nur die keine 200 km flussabwärts (und somit immer noch Hunderte Kilometer
vom Ozean entfernten) zum Entzücken der Reiseveranstalter ungeniert
tobenden, ja bei Tadoussac/Fjord Sagenuay zu gewissen Zeiten wie
allgegenwärtigen Beluga-Wale, sondern auch die allergrößten Lebewesen
unseres mittelgroßen Planeten, die Blauen Wale, nennen den Strom ihr eigen,
oder doch jedenfalls ihr Zuhause. An Pracht soll es der schönen Provinz (La
Belle Province) folglich kaum fehlen. Gemütlich, nein gemächlich, kraftvoll
und zugleich unwahrscheinlich besänftigend eröffnet sich hier eine
Perspektive auf mehr als nur ein tüchtiges Stück Landschaft, Kultur und
Geschichte.
Die Altstadt von Québec ist immer ein gutes Essen wert,
etwa bei den alten Kanadiern, Aux Ancient Canadiens, da man in diesem in
einem schon im siebzehnten Jahrhundert errichteten Haus, Maison Jacquet,
untergebrachten Restaurant nicht nur ein Drei-Gänge-Special (dazu ein
Gläschen Wein) zu einem sogar für den Mann auf der Wasserstraße gerade noch
erschwinglichen Preis genießen kann, sondern auch mal in aller Gelassenheit
und bei sich zunehmend füllendem Magen in die Vergangenheit zurückblicken
darf, um zu sehen, was sich früher hier so alles getan hat und was für eine
Bewandtnis es mit all that remembering business hat, um es in der Sprache der
Eroberer zu sagen, die immerhin die Sprache fast aller in den Bann der Stadt
geratenen Touristen ist. Aux Anciens Canadiens, der Name wurde vom Titel
eines Romans abgeleitet: "Les Anciens Canadiens"; dessen Autor,
Philippe-Aubert de Gaspé, wohnte im frühen neunzehnten Jahrhundert im Haus.
Ein
bisschen weiter weg, jenseits der alten Stadtmauer, steht General de Gaulle,
der nach den erfolgreichen Unabhängigkeitskämpfen der Nordafrikaner und dem
Verlust der dortigen französischen Kolonien seine Aufmerksamheit der
kanadischen Provinz Québec widmete, die ja einst – ja freilich: vor
Jahrhunderten – französisch war und die er, de Gaulle, nun ungern auf der
kanadischen Landeskarte sah, sodass er folglich die offizielle Einladung zur
Expo 67 (Montreal) missbrauchte, um seinen Vive le Québec libre Speech zum
Besten zu geben – worauf er dann freilich prompt ausgeladen wurde. Er kehrt
der Grande Allée den Rücken, blickt auf Les Plaines d’Abraham, wo ein
anderer französischer General, Montcalm, im 18. Jahrhundert die Schlacht um
Québec verlor. Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis.
Die Entertainer vom Aquarium du Québec rächen sich für
die Niederlage von Les Plaines d’Abraham. Erst fragen sie, ob es unter den
Anwesenden Zuschauer gibt, die nur Englisch können. Dann reißen sie auf
Französisch Witze über Leute, die nur Englisch können (die Eintrittskarte
aber immerhin mit echten Sous bezahlt haben). Und erst dann darf
die Show anfangen.
Rüber
zu Ludwig dem Vierzehnten, der in der Place Royale (in Vieux Québec) nach
dem Rechten schaut, wo es natürlich auch eine Kirche gibt: Notre Dame des
Victoires. Den Kleinen Champlain runter, das Vorzeigeviertel der
Vorzeigestadt: Le Petit Champlain, Kanadas Getreidegasse (wie so vieles hier
nach Samuel de Champlain, dem Gründer der Stadt – wie im weitesten Sinne der
gesamten Nouvelle France, benannt). Auch dies der schönste Ort in Kanada.
Kann das, darf das sein? Das Ewigfranzösische zieht uns hinan.
Im Land der Kanus, im Land des letzten Mohikaners, im
Land der Fallensteller gewöhnt man sich an den Umgang mit Aporien. Manchmal
irren wir uns in der Ausmessung der Welt, in der Erfassung der Ereignisse,
die unser Schicksal, die uns selber ausmachen. Wir erinnern uns an die
Schlachten, an die Siege, die unserer kanadischen Nation (What’s that?)
sozusagen den Weg ins Begriffliche ebneten, die unsere kanadische Identität
stifteten: an den 1812 gegen die Amerikaner erzielten Sieg (wird südlich der
Großen Seen anders gesehen), an den gegen die Franzosen erzielten Sieg (wird
in der Belle Province anders gesehen), an den Sieg in Afghanistan (wird in
Europa anders gesehen). Manche Autobahn, die früher anders hieß, heißt seit
ein paar Jahren Autobahn der Helden. Ein Gleichnis des Vergänglichen?
Wir
erinnern uns an vieles. Und auf den Autoschildern in der Provinz Québec
steht Je me souviens. Aber damit ist ja schon wieder etwas anderes gemeint.
Calling to mind: Das kollektive Erinnerungsvermögen ist eben a tricky thing,
denn woran sich der Einzelne besinnt, ist wohl kaum gesagt – besonders wenn
Ideologen und/oder Propagandisten mitmischen. Und das millionenfache Je me
souviens auf Québecs Straßen reicht weit über das eigene Leben der Fahrer
(und Insassen) hinweg, greift tief hinein in die Ursprünge – und das heißt
hier buchstäblich auch: tief in den Urwald hinein – wo unser städtisches
Lebensgefühl einst geformt wurde, ja immer noch geformt wird.
Sich erinnern können, darauf kommt es immer an – jeder
auf eigene Faust oder eben alle im Chor – als streamlining der
Vergangenheit, als Selbstsetzung der Identität (Es. Ich. Über-Ich.
Dickicht.), als .... Über was? Oder: Über wen? Say it in English, dude!
Over-I! Over-I? ... Halt! Irgendwas ist morsch in diesem Kanu, das klingt ja
ganz und ganz nicht tiefenpsychologisch, das klingt auch nicht nach
kollektivem Unbewusstsein, das klingt einfach blöd. Wir sind nicht blöd. Wir
wollen ja strenggenommen nur mal ganz kurz ... also darf ich mal einen
Augenblick lang verschnaufen? Bin ins Keuchen geraten. Es ist ein
ausgedehntes Land.
No English! No English? Nun gut, dann eben auf gut
Deutsch – oder am allerbesten auf gut Deitsch, denn schließlich ist ja
wenigstens der östliche Teil Kanadas (das Ostreich der Großen Seen) ein Land
am Strome. Ein zugegebenerweise subjektiv formulierter Wahlspruch? Mir san
Kanadier! Auch große Länder waren einmal klein. Kanada: eine junge Nation,
an deren Zukunft man sich in vielen Sprachen erinnert. Collective memory.
Oder: the politics of memory.
Wo
wir herkommen. Wo wir hingehen. Was soll’s? In Wildtöters Laufschritt
vernimmt der Chronist die Genealogie des Geschlechts der Schildkröte, in
Achilles’ Ferse das Schulterblatt des Drachentöters, in Marshall McLuhans
kaiserlicher Nachricht den unentwegten Schlachtruf, den unentwegten
Todesschrei im globalen Indianerdorf. Frisch ausgedrückt: In unserem
tüchtigen Stück Autobiographie stecken viele andere mit drin, genauer gesagt
die anderen, von denen jeder seine eigene Geschichte im Sack hat, die aber
nicht nur seine Geschichte ist, sondern in erster Linie eben auch unsere
Geschichte – und manches von dem, was mal war, müssen wir uns halt einfallen
lassen, auf dass es so richtig sei und uns auch bis ins Alter begleite, wie
der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß, ein weiser Oberhäuptling der
schreibenden Spezies, sagen würde, der selber zwar kein Kanadier ist, es
aber jederzeit ungeniert sein könnte. Und dann wäre es seine Geschichte, die
ich hier zum besten gebe. Aus dem Konjunktiv entwendet: Und dann ist es
seine Geschichte. Und ich merke schon, sie ist gut.
Zuerst erschienen in: Der
Lichtwolf, Nr. 38, Sommer 2012.